Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), allgemein

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), allgemein
Internationale Klassifikation (ICD) E14.90

Grundlagen

Beschreibung

Diabetes mellitus leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet übersetzt „honigsüßer Durchfluss“. Diabetes ist ein Überbegriff für Stoffwechselerkrankungen, die mit einer Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) einhergehen.

Beim gesunden, nüchternen Menschen liegt der Blutzuckerwert unter 100 mg/dl. Postprandial (nach dem Essen) sollte dieser Wert auf max. 140 mg/dl ansteigen. Falls er doch überschritten wird, kann das auf eine gestörte Glucosetoleranz (abnormale Blutzuckerverwertung) oder Diabetes mellitus hinweisen. Um abgrenzen zu können, um welche Störung es sich handelt, ist ein oraler Glucosetoleranztest (oGTT) notwendig.

Unbehandelt führen die über Jahre erhöhten Blutzuckerwerte bei Diabetes mellitus zu Folgeerkrankungen. Besonders betroffen sind davon:

  • Gehirn
  • Augen
  • Gefäße
  • Nervensystem
  • Herz
  • Nieren

Hauptformen von Diabetes

Typ-1-Diabetes

Ein Insulinmangel ruft diese Art von Diabetes hervor. Antikörper (Abwehrstoffe des Körpers) zerstören Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die für die Insulinproduktion verantwortlich sind. Andere Bezeichnungen für diesen Typ sind „früher“, „jugendlicher“ bzw. „juveniler“ Diabetes, da es sich um den klassischen Insulinmangel-Diabetes handelt, der häufig schon im Kindesalter beginnt.

Typ-2-Diabetes

Zwei Faktoren spielen hier eine Rolle. Einerseits entwickelt der Körper eine Insulinresistenz, andererseits sind die produzierenden Zellen durch eine langjährige Überproduktion „ausgelaugt“. Früher wurde auch der Begriff „Altersdiabetes“ verwendet, da er in den meisten Fällen bei Erwachsenen auftritt. Heute findet man diesen Typ aber auch schon bei adipösen Kindern und Jugendlichen.

Über 90 % der Diabetiker leiden an dieser Form, welche auch familiär gehäuft auftritt.

  Typ-1-Diabetes Typ-2-Diabetes
Häufigkeit ∼ 5% der Diabetiker > 90% der Diabetiker
Entstehung Autoimmuner Insulinmangel Insulinresistenz, gestörte Insulinausschüttung
Auftreten meist Kinder, Jugendliche meist Erwachsene
Familiäre Häufung selten häufig
Körpergewicht meist normal meist übergewichtig
Stoffwechsel instabil stabil
Therapie lebenslange Insulintherapie Gewichtsreduktion, Aktivitätssteigerung, Ernährungsumstellung, orale Blutzuckersenker, Insulintherapie als letzte Option

Seltene Diabetes-Formen

Typ-3-Diabetes: Sekundärer Diabetes, LADA- und MODY-Diabetes

  • Sekundärer Diabetes – Folgeerkrankung

Auslöser Beschreibung
Bauchspeicheldrüse Pankreatitis (chronische Entzündung) kann zum Funktionsverlust führen, Hauptursache ist Alkoholmissbrauch. Sind ca. 90% der Insulinproduzierenden Zellen zerstört, kommt es zum Diabetes.
Hormondrüsen Werden zu viele Schilddrüsen-, Wachstumshormone oder Kortison produziert, kann Diabetes entstehen. Auslösende Krankheiten sind z.B. Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Cushing-Syndrom oder Akromegalie (Wachstumshormonüberproduktion).
Medikamente Auch Medikamente können diabetogen wirken, d.h. Diabetes auslösen. Langjährige Kortisontherapie kann z.B. zu exogenem Cushing-Syndrom und so zu Diabetes führen. Andere Auslöser können Schilddrüsenhormone und Entwässerungsmittel (Thiazid-Diuretika) sein.
  • LADA-Diabetes - Bei dem Latent Autoimmune Diabetes of Adults handelt es sich um eine Sonderform von Diabetes mellitus Typ-1. Betroffene sind zwischen 25 und 40 Jahren alt, ihre Insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse wird von Antikörpern angegriffen. Behandlungsmöglichkeiten sind Diät oder Medikamente.  
  • MODY-Diabetes - Maturity Onset Diabetes oft he Young basiert auf seltenen, vererbbaren Gen-Defekten. Betroffen sind junge Personen (< 25 Jahre), etwa jeder 100. Diabetiker. Der Krankheitsverlauf ist mild, die Insulinproduktion bleibt noch über viele Jahre aufrecht.

Typ-4-Diabetes: Schwangerschaftsdiabetes

Schwangerschafts- oder auch Gestationsdiabetes, tritt in einer Schwangerschaft als eine der häufigsten Begleiterkrankungen auf und verschwindet normalerweise wieder. Ca. 5 % der Schwangeren sind betroffen, sie leiden später häufiger an Typ-2-Diabetes.

Ursachen

Die sog. Langerhans’schen Inseln des Pankreas (Bauchspeicheldrüse) bilden Insulin. Es wird von sämtlichen Zellen im Körper benötigt, um Glucose aus dem Blut aufzunehmen und in Energie umzuwandeln. Wenn kein Zucker aufgenommen werden kann, steigt die Konzentration im Blut. Ein auf Dauer erhöhter Wert schädigt wiederum empfindliche Zellen. Je nach Typ von Diabetes, werden Ursachen des hohen Blutzuckerspiegels unterschieden

Typ-1-Diabetes

Insulinproduzierende Zellen werden von eigenen Antikörpern (autoimmun) zerstört. Die Produktionsleistung sinkt, bis sie zur Gänze ausfällt. Der genaue Hergang ist noch unklar, es werden jedoch genetische Faktoren durch familiäre Häufung (HLA-Merkmale D3/D4) vermutet.

Typ-2-Diabetes

Zellen haben bei diesem Typ eine Insulinresistenz (Unempfindlichkeit) entwickelt. Es wird deutlich mehr Insulin für denselben Mechanismus benötigt, um Glucose aufnehmen zu können. Die Langerhans’schen Inseln produzieren entsprechend der gestiegenen Nachfrage mehr Insulin, wodurch sie langfristig überlasten und immer weniger produzieren können.

Dieser Diabetes-Typ wird auch als Wohlstandskrankheit bezeichnet, da Risikofaktoren falsche Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel sind. Häufig wird auch eine Verbindung zum metabolischen Syndrom beobachtet. Ein weiterer Faktor können diabetogene Medikamente sein, die in den Glucosestoffwechsel eingreifen.

Schwangerschaftsdiabetes

Das empfindliche Gleichgewicht von blutzuckererhöhenden und –senkenden Hormon Insulin im Körper wird durch eine Schwangerschaft gestört. Daraus ergibt sich ein höherer Bedarf an Insulin. Kann dieser nicht gedeckt werden, entsteht Gestationsdiabetes.

Sekundärer Diabetes

Insulin kann als einziges Hormon den Blutzuckerspiegel senken, im Gegensatz zur Steigerung, die durch viele Hormone ausgelöst werden kann. Das sind z.B. Schilddrüsenhormone T3 und T4, Wachstumshormone, Kortison (Cortisol) und Adrenalin. Besteht ein Ungleichgewicht zwischen diesen Hormonen, kann Diabetes mellitus entstehen. Ursache für eine gestörte Balance können eingenommene Hormone oder hormonbildende Tumore sein.

Auch Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) oder Pankreaskarzinome (Bauchspeicheldrüsenkrebs) können ursächlich wirken, da es für die Insulinproduktion verantwortlich ist.

Symptome

Folgende Symptome können bei Typ 1 und 2 auftreten:

  • Polyurie (häufiger Harndrang), Nykturie (nächtlicher Harndrang)
  • Polydipsie (gesteigerter Durst)
  • Appetitmangel, Gewichtsverlust
  • Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Kraftlosigkeit
  • Heißhungerattacken (häufig bei Krankheitsbeginn)
  • Infektanfälligkeit (Harnwegs- und Hautinfekte)
  • Juckreiz
  • Kopfschmerzen, Schwindelgefühl
  • Übelkeit bis hin zu Erbrechen
  • Sehstörungen
  • Muskelkrämpfe
  • Bewusstseinsstörungen

Typ-1-Diabetes

Symptome entwickeln sich rasch in Tagen bis Wochen. Besonders auffallend sind Symptome wie Gewichtsverlust, Unbehagen, permanenter Durst, häufiger Harndrang bis Ketoazidose (diabetisches Koma mit Bewusstlosigkeit).

Typ-2-Diabetes

Die Entwicklung der Symptome kann Jahre in Anspruch nehmen, wodurch Diabetes häufig unerkannt bleibt. Seltener führen erst die Folgeerkrankungen zur Diagnose Diabetes.

Typische Symptome:  

  • Schlechte Wundheilung (besonders an Beinen und Füßen)
  • Retinopathie (sinkende Sehfähigkeit)
  • Polyneuropathie mit Kribbeln oder Taubheit in Beinen (Nervenschädigung)
  • Herzinfarkt

Schwangerschaftsdiabetes

Die Symptome sind meistens unauffällig, der Diabetes wird im Zuge der Routineuntersuchungen bei Schwangeren erkannt.

Diagnose

Zur Diagnosestellung sind die Messung von Nüchtern-Blutglucose (Zuckerkonzentration im Blut) und Glucosetoleranz (mit oralem Glucosetoleranztest - oGTT) notwendig.

Für eine eindeutige Diagnose müssen unabhängig von Alter und Geschlecht, mindestens an 2 unterschiedlichen Tagen erhöhte Werte festgestellt werden.

  Normal gestörte Glucosetoleranz Diabetes
Nüchternglucose

< 100 mg/dl

< 5,6 mmol/l

≥ 100 - < 126 mg/dl

≥ 5,6 - < 7,0 mmol/l 

≥ 126 mg/dl

≥ 7,0 mmol/l

Wert nach Glucosegabe

< 140 mg/dl

< 7,8 mmol/l

≥ 140 – 200 mg/dl

≥ 7,8 - < 11,1 mmol/l 

≥ 200 mg/dl

≥ 11,1 mmol/l

Früher wurde auch der Zucker im Harn gemessen, was heute nicht mehr relevant ist, da die Blutzuckermessung bei weitem genauer ist. Wird ein Diabetes mellitus diagnostiziert, werden im Anschluss folgende Untersuchungen durchgeführt, um Folgeerkrankungen früh erkennen zu können:  

  • Augenhintergrund
  • Nierenwerte
  • Blutfettwerte
  • Nerven
  • Urin
  • Blutdruck
  • Füße

Ergebnisse sollten lückenlos in den Gesundheitspass übernommen werden.

Vorstufen von Diabetes

Wenn der Blutzucker beim Nüchternen zwischen 100 und 126 mg/dl liegt, wird von gestörter Nüchternglucose (Impaired Fasting Glucose - IFG) gesprochen. Es kann sich dabei um eine Diabetes-Vorstufe handeln.

Der 2-Stunden-Wert bei einem oralen Glucosetoleranztest sollte sich unter 140 mg/dl befinden. Wenn er jedoch zwischen 140 und 200 mg/dl liegt, spricht man von gestörter Glucosetoleranz (Impaired Glucose Tolerance IGT), was eine Vorstufe zu Diabetes Mellitus sein kann. Mit richtigem Eingreifen in die Lebensführung kann dem Typ-2 Diabetes vorgebeugt werden.

Therapie

Die Behandlungsstrategie hängt gänzlich von der Art des Diabetes ab.

Typ-1-Diabetes

Diese Art Diabetes lässt sich ausschließlich mit Insulin behandeln, da ein Insulinmangel dessen Ursache ist.

Typ-2-Diabetes

Grundpfeiler der Therapie sind in diesem Fall eine Ernährungsumstellung und regelmäßige körperliche Ertüchtigung mit dem Ziel der Gewichtsnormalisierung. Nur wenn diese Maßnahmen nicht greifen, kommen blutzuckersenkende Medikamente und als letzte Option auch Insulin zum Einsatz.

Schwangerschaftsdiabetes

Für das ungeborene Kind sind stabile Blutzuckerwerte besonders wichtig. Zu hoher oder zu niedriger Blutzucker kann zu Schäden führen. Wenn eine Umstellung der Ernährung nicht ausreicht, wird Insulin gegeben. Medikamente stehen in diesem Fall nicht zur Option, da sie das Ungeborene schädigen würden.

Sekundärer Diabetes

Zuerst ist es wichtig, die auslösende Erkrankung zu behandeln. Wenn dies erfolgreich ist, verschwindet auch der Diabetes wieder von selbst.

Therapie überwachen

Anhand des Langzeitblutzuckers (HbA1c) wird geprüft, wie erfolgreich die Einstellung des Blutzuckers der letzten 3 Monate war.

Kontrolluntersuchungen (Routine- und Jahresuntersuchung) werden vom Hausarzt und/oder der Diabetes-Ambulanz durchgeführt. Sie sind besonders wichtig um eventuelle Folgeerkrankungen und den Behandlungserfolg festzustellen. Es werden folgende Aspekte untersucht bzw. besprochen:

  • HbA1c-Werte (im Blut)
  • Blutzucker
  • Ernährungs- und Bewegungsverhalten optimieren
  • Blutdruck
  • Gewicht
  • Blutfettwerte (Cholesterin, Triglyceride, etc.)
  • Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff)
  • Salzwerte im Blut (Natrium, Kalium)
  • Zucker- und Eiweißausscheidung (Mikroalbuminurie)
  • Augenhintergrund
  • Füße (Vibrationssinn, Fußpulse)

Ergebnisse sollten im Diabetes-Gesundheitspass festgehalten werden.

Selbsttherapie

  • Bei der Behandlung von Diabetes ist die Selbsthilfe sehr wichtig. Dafür sind allerdings Unterricht und Erfahrung Voraussetzung.  
  • In der „Diabetes-Schule“ werden in einer Woche Informationen rund um das Thema Diabetes von Experten vermittelt.  
  • Selbsthilfegruppen helfen mit Erfahrungswerten.
  • Lernen Sie, Ihren Blutzucker selbst zu bestimmen und zu beurteilen. Das ermöglicht Ihnen, die Therapie im Alltag selbst zu steuern.  
  • Wenn Sie sich Insulin spritzen müssen, ist eine detaillierte Anleitung wichtig.
  • Nur durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen können Folgeerkrankungen schnellstmöglich erkannt und behandelt werden.  
  • Fußpflege ist sehr wichtig. Vermeiden Sie selbst kleinste Verletzungen und desinfizieren Sie jede Wunde sofort.

Prognose

Die Formen 1 und 2 verursachen bei schlecht eingestelltem Blutzucker Folgeerkrankungen. Andauernd hoher Blutzucker schädigt Gefäße und führt zu Arteriosklerose (Arterienverkalkung).

Folgende Erkrankungen drohen bei schlecht eingestelltem Diabetes:

  • Herzinfarkt (4-fach erhöhtes Risiko)
  • Herzschwäche (5-fach erhöhtes Risiko)
  • Schlaganfall (3-fach erhöhtes Risiko)
  • Nierenerkrankungen (Diabetische Nephropathie bei 25% der Diabetiker nach 10 Jahren)
  • Augenerkrankungen (Diabetische Retinopathie bei 90% der Typ-1 und 25% der Typ-2 Diabetiker nach 15 Jahren)
  • Nervenschäden (Diabetische Polyneuropathien bei 50% aller Diabetiker nach 10 Jahren)
  • Diabetisches Fußsyndrom (2-10% aller Diabetiker)

Das Risiko sinkt mit besserer Einstellung des Blutzuckers. Anhand des HbA1c-Wertes lässt sich der Blutzuckerspiegel der letzten Wochen groß rekonstruieren. Auch der Blutdruck spielte eine Rolle bei der Prävention von weiteren Erkrankungen.

Das Entstehen von Folgeerkrankungen dauert meist mehrere Jahre. Wenn der Diabetes jedoch selbst erst spät entdeckt wird, können bei Diagnose auch schon weitere Komplikationen bestehen.

Eine normale Lebenserwartung ist bei optimaler Behandlung möglich.

Vorbeugen

Typ-1-Diabetes

Da es sich um eine Autoimmunkrankheit handelt, ohne dass äußere Faktoren mitwirken, kann diesem Typ nicht vorgebeugt werden.

Typ-2-Diabetes

Die eindeutigen Ursachen dieser Wohlstandskrankheit sind Übergewicht und Bewegungsmangel. Beugen Sie diesem Diabetes vor, indem Sie sich abwechslungsreich und ausgewogen ernähren und ausreichend bewegen. Das ist besonders wichtig, wenn Sie Diabetiker in der Familie haben.

Schwangerschaftsdiabetes

Übergewicht erhöht das Risiko eines Gestationsdiabetes. Deshalb sind eine gesunde Ernährung und Bewegung wichtig. Versuchen Sie, ausreichend, aber nicht „für 2“ zu essen. Anderen Einflussfaktoren wie z.B. familiärer Häufung kann nicht entgegengewirkt werden.

Vorstufen von Diabetes

Eine gestörte Nüchternglucose oder Glucosetoleranz führt nicht definitiv zu Diabetes. Wer weiß, dass er eine Vorstufe aufweist, kann mit Bewegung, gesunder Ernährung und Gewichtsreduktion bei Übergewicht zu stabilen Blutzuckerwerten beitragen. Normalerweise reichen diese Maßnahmen aus, um einem Diabetes vorzubeugen, ebenso wie Gefäßkrankheiten, etc.

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