Tinnitus (Ohrengeräusche)

Tinnitus (Ohrengeräusche)
Internationale Klassifikation (ICD) H93.-

Grundlagen

Bei Tinnitus handelt es sich um einen √úberbegriff f√ľr alle Formen von Ohr- oder Kopfger√§uschen, ohne eine genauere Festlegung von deren Ursachen. Patienten mit Tinnitus h√∂ren Ger√§usche oder T√∂ne, die ausschlie√ülich von den Patienten selbst wahrgenommen werden und au√üerhalb des Kopfes nicht existieren. Andere Personen k√∂nnen die Ger√§usche daher nicht h√∂ren. Umgangssprachlich wird von Ohrensausen gesprochen.

Statistiken zufolge litten in Deutschland zirka zehn Millionen Menschen bereits zumindest einmal √ľber einen l√§ngeren Zeitraum an Tinnitus. Davon ben√∂tigten etwa drei Millionen eine Behandlung durch den Arzt. Sch√§tzungsweise 340.000 Personen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Tinnitus.

Aufgrund der zunehmenden Lärmbelastung im jugendlichen Alter (beispielsweise bei Konzerten oder in Diskotheken) nimmt die Häufigkeit von Tinnitus bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen stetig zu.

Ursachen

Ein Tinnitus kann durch zahlreiche gesundheitliche Störungen verursacht werden. So kann den Ohrgeräuschen zum Beispiel eine Schädigung des Hörnervs oder des Innenohrs zugrunde liegen. In vielen Fällen werden die feinen Haarzellen des Innenohres auch durch Lärm oder Virusinfektionen geschädigt.

Die Entstehung von Tinnitus wird durch folgende Faktoren beg√ľnstigt:

  • Stress und L√§rm: diese Faktoren werden bei etwa der H√§lfte der Tinnitus-F√§lle als Ursache vermutet
  • Innenohrschwerh√∂rigkeit
  • H√∂rsturz: etwa 70 Prozent der Patienten leiden nach einem H√∂rsturz unter Tinnitus
  • Bestimmte Ohrerkrankungen: beispielsweise Mittelohrentz√ľndungen, Trommelfellperforation (Verletzungen des Trommelfells), Otosklerose (abnehmende Beweglichkeit der Geh√∂rkn√∂chelchen im Mittelohr) oder Funktionsst√∂rungen der Ohrtrompete
  • Tumore: Bei einer Wucherung des H√∂r- und Gleichgewichtsnervs stellen Ohrger√§usche h√§ufig das erste Symptom dar
  • Bestimmte Grunderkrankungen au√üerhalb des Ohres: zum Beispiel Stoffwechselerkrankungen (Hypercholesterin√§mie: erh√∂hter Cholesterinspiegel), Durchblutungsst√∂rungen der Blutgef√§√üe im Kopfbereich als Folge einer Arteriosklerose, Hypertonie (Bluthochdruck), Gebissfehlstellungen, Erkrankungen der Halswirbels√§ule (beispielsweise Schleudertrauma)
  • Bestimmte Medikamente / Vergiftungen: beispielsweise Antibiotika, Schmerzmittel (wie Acetylsalicyls√§ure) oder Antidepressiva
  • Verspannungen im Bereich der Wirbels√§ulen- bzw. Kiefergelenksmuskulatur
  • Psychische Faktoren: beispielsweise starke Emotionen wie zum Beispiel √Ąngste oder eine psychische √úberreizbarkeit

Symptome

Genauer betrachtet handelt es sich bei Tinnitus nicht um eine Krankheit, sondern vielmehr um ein Symptom als Folge bestimmter körperlicher oder psychischer Probleme. Die Ausprägung der Symptome kann je nach Patient sehr unterschiedlich sein. Die am häufigsten wahrgenommenen Beschwerden sind ein- oder beidseitige Geräusche, die einem Pfeifen, Sausen, Zischen, Brummen, Knacken oder Rauschen ähneln können. Falls die Geräusche synchron mit dem Pulsschlag auftreten, kann dies einen Hinweis auf Fehlbildungen oder Engstellen von Blutgefäßen im Kopf- sowie Halsbereich darstellen. Häufig besteht zudem gleichzeitig eine Verminderung des Hörvermögens, in manchen Fällen zusätzlich ein Drehschwindel.

Der Tinnitus kann je nach seiner individuellen Ausprägung in folgende Arten unterteilt werden:

  • Kompensierter Tinnitus: Dabei nimmt der Betroffene zwar Ger√§usche wahr, jedoch kann er mit der st√§ndigen Ger√§uschbelastung gut umgehen. Der Leidensdruck dieser Tinnitusform ist gering oder nicht vorhanden.
  • Dekompensierter Tinnitus: Dieser zeigt massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche und f√ľhrt zu einem ausgepr√§gten Leidensdruck. Als Folge des Tinnitus k√∂nnen Schlafst√∂rungen, Konzentrationsst√∂rungen, Depressionen oder Angstzust√§nde auftreten.

Je nach Dauer des Krankheitsbildes wird zwischen folgenden Arten unterschieden:

  • Akuter Tinnitus: Beschwerden bis zu drei Monaten
  • Chronischer Tinnitus: Die Beschwerden dauern l√§nger als drei Monate an

Je nachdem, ob die Ohrgeräusche auch von Außenstehenden wahrgenommen werden können, wird zwischen folgenden Arten des Tinnitus unterschieden:

  • Subjektiver Tinnitus: Der Tinnitus kann ausschlie√ülich vom Betroffenen selbst wahrgenommen werden
  • Objektiver Tinnitus: Beim objektiven Tinnitus beruhen die Ohrger√§usche auf einer auch von au√üen wahrnehmbaren oder messbaren k√∂rpereigenen Schallquelle, wie beispielsweise Str√∂mungsger√§usche aufgrund verengter Gef√§√üe im Kopf- und Halsbereich. Der objektive Tinnitus ist jedoch im Vergleich zum subjektiven Tinnitus √§u√üerst selten.

Eine weitere Unterscheidung des Tinnitus kann aufgrund des Hörvermögens getroffen werden:

  • Tinnitus mit H√∂rverlust: Hierbei liegt zus√§tzlich zum Tinnitus eine Einschr√§nkung des H√∂rverm√∂gens vor
  • Tinnitus ohne H√∂rverlust: Das H√∂rverm√∂gen bleibt in vollem Ma√üe erhalten

Diagnose

Da einem Tinnitus andere akut behandlungsbed√ľrftige Grunderkrankungen zugrunde liegen k√∂nnen, wird zun√§chst versucht, diese festzustellen. Hierf√ľr werden bestimmte Untersuchungen durchgef√ľhrt wie beispielsweise die Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), eine genaue Untersuchung des Hals-, Nasen- und Ohren-Bereichs, eine Ohrmikroskopie, Gleichgewichtspr√ľfung, H√∂rtests, Nasopharyngoskopie (Spiegelung des Nasen-Rachenraumes) und in bestimmten F√§llen eine Hirnstamm-Audiometrie.

Zudem wird die Schallschwelle bestimmt, ab der der Tinnitus nicht mehr wahrgenommen wird (Maskierungslevel). Hierf√ľr werden dem Patienten √ľber einen Kopfh√∂rer verschiedene T√∂ne vorgespielt, bis die Lautst√§rke erreicht ist, ab der der Tinnitus √ľberdeckt wird.

Mithilfe einer Blutuntersuchung k√∂nnen etwaige Entz√ľndungen oder ein erh√∂hter Cholesterinspiegel festgestellt werden. Durch die Messung des Blutdruckes kann eine Hypertonie (Bluthochdruck) diagnostiziert werden. Eine Untersuchung des Kauapparates kann m√∂gliche Gebissfehlstellungen oder Kiefergelenks-Erkrankungen aufzeigen. Durch eine orthop√§dische Untersuchung kann eine Beteiligung der Halswirbels√§ule ausgeschlossen werden.

In manchen F√§llen werden zudem bildgebende Verfahren durchgef√ľhrt. Hierf√ľr werden insbesondere die Magnetresonanztomographie (MRT) zum Ausschluss bestimmter Tumore (beispielsweise Akustikusneurinom, Paraganglion) oder eine Doppler-Sonographie (Ultraschall-Untersuchung) der Halsgef√§√üe angewendet.

Therapie

Eine wichtige Therapiemöglichkeit besteht darin, die Ursachen des Tinnitus zu erkennen und zu beheben. Häufig lassen sich diese jedoch nicht exakt bestimmen. Je nachdem ob ein akuter oder ein chronischer Tinnitus vorliegt, existieren klare Behandlungsrichtlinien, welche sich am Zeitverlauf sowie dem Schweregrad der Erkrankung orientieren.

Akuter Tinnitus

Beim akuten Tinnitus ist es besonders wichtig, dass mit der Behandlung so fr√ľh wie m√∂glich begonnen wird ‚Äď bestenfalls innerhalb der ersten Tage nach dem Auftreten der Ohrger√§usche. Folgende Ma√ünahmen k√∂nnen unter anderem durchgef√ľhrt werden:

  • Infusionstherapie: Hierbei werden dem Patienten √ľber eine Infusion durchblutungsf√∂rdernde Medikamente verabreicht, wodurch eine verbesserte Versorgung des Innenohrs mit Blut und Sauerstoff erreicht werden soll.
  • Kortison: Besteht der Verdacht, dass dem Tinnitus eine entz√ľndliche Ursache zugrunde liegt, wird eine Infusion mit Kortison durchgef√ľhrt.
  • Druckkammertherapie (hyperbare Sauerstofftherapie): Falls die oben genannten Therapien keine Besserungen erzielen, kann eine Druckkammertherapie durchgef√ľhrt werden.
  • Physikalisch-medizinische oder krankengymnastische Behandlung: Diese Verfahren k√∂nnen eingesetzt werden, falls Verletzungen oder Fehlstellungen der Halswirbels√§ule die Ursache des Tinnitus sind.
  • Kieferorthop√§dische Behandlung: Diese wird durchgef√ľhrt, falls Fehlstellungen des Gebisses oder des Kiefergelenks den Tinnitus ausl√∂sen.

Chronischer Tinnitus

Leidet der Patient unter chronischem Tinnitus, kommt der intensiven ärztlichen Betreuung eine besondere Bedeutung zu. Es ist wichtig, dass der Patient lernt, im Alltag mit seinen ständigen Ohrgeräuschen umzugehen. Durch Stressabbau und speziellen Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Yoga kann zudem der Heilungsprozess gefördert werden.

Mithilfe von psychotherapeutischen Ansätzen kann besonders denjenigen Patient geholfen werden, die durch den Tinnitus verunsichert, depressiv oder ängstlich sind. Hierbei hat sich unter anderem die kognitive Verhaltenstherapie bewährt.

Durch die Verwendung spezieller H√∂rsysteme wie zum Beispiel Tinnitusmasker oder Rauschgeneratoren kann die Wahrnehmung des Tinnitus unterdr√ľckt werden. Sie haben optisch eine √Ąhnlichkeit mit H√∂rger√§ten und produzieren kontinuierlich ein Rauschger√§usch, welches von den Tinnitusger√§uschen ablenkt oder diese ganz √ľberdeckt. In manchen F√§llen wird zus√§tzlich noch eine Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) durchgef√ľhrt. Bei der TRT wird eine Anpassung der H√∂rsysteme durchgef√ľhrt. Zudem werden √ľber einen Zeitraum von etwa 18 Monaten mehrere Beratungssitzungen, in der Aufkl√§rung und Beratung (Counseling) und eine psychotherapeutische Begleitung angeboten werden, absolviert. Durch die Verwendung dieser speziellen H√∂rsysteme in Verbindung mit einer Tinnitus-Retraining-Therapie k√∂nnen gute Behandlungserfolge erzielt werden.

Liegt zusätzlich zum Tinnitus eine Verminderung des Hörvermögens vor, kann der Einsatz von Hörgeräten sinnvoll sein. Bei einer schwersten Innenohrschwerhörigkeit kann diese durch eine Innenohrelektrode (Cochlea-Implantat) behandelt werden. In vielen Fällen verschwindet der Tinnitus durch das Wiedererreichen des Hörvermögens ganz oder es tritt zumindest eine Besserung der Beschwerden ein.

Prognose

Bei einem akuten Tinnitus tritt in etwa 60 bis 80 Prozent der Fälle eine sogenannte Spontanheilung ein. Darunter versteht man ein plötzliches komplettes Verschwinden der Ohrgeräusche. Chronischer Tinnitus heilt nur in Ausnahmefällen spontan ab.

Häufig bessern sich jedoch mit der Zeit auch die Beschwerden des chronischen Tinnitus. In den meisten Fällen nehmen Betroffene die Ohrgeräusche nach etwa 18 Monaten deutlich leiser wahr als zu Beginn der Erkrankung. Selten können die Beschwerden jedoch mit der Zeit auch an Intensität zunehmen.

Prognose mit Therapie

Generell gilt, dass die Prognose besser ist, je fr√ľher mit der Behandlung des akuten Tinnitus begonnen wird. Bei einem akuten Tinnitus kann mithilfe einer Kortison-Infusionstherapie das beste Ergebnis erreicht werden. Das Ziel der Behandlung besteht darin, die Ohrger√§usche komplett zu beseitigen.

Beim chronischen Tinnitus kann die vollst√§ndige Beseitigung der Ohrger√§usche nur selten erreicht werden. Hierbei k√∂nnen die besten Therapieerfolge durch das Erlernen bestimmter Verarbeitungsstrategien erreicht werden ‚Äď der Patient lernt beispielsweise, den Tinnitus durch gezieltes Wegh√∂ren nicht mehr wahrzunehmen.

Komplikationen beim Tinnitus

Falls es den Betroffenen nicht gelingt, sich an den Tinnitus zu gewöhnen, können zudem folgende Beschwerden auftreten:

  • Depressionen
  • Schlafst√∂rungen
  • Kopfschmerzen
  • Magenschmerzen
  • Angstzust√§nde

Diese Folgebeschwerden k√∂nnen in Ausnahmef√§llen bis hin zu einer Arbeitsunf√§higkeit f√ľhren. Mithilfe einer medizinisch-psychologischen Kombinationstherapie kann die Belastung durch den Tinnitus bereits in der Fr√ľhphase deutlich gesenkt und eventuell sogar einer Chronifizierung der Erkrankung vorgebeugt werden.

Redaktionelle Grundsätze

Alle f√ľr den Inhalt herangezogenen Informationen stammen von gepr√ľften Quellen (anerkannte Institutionen, Fachleute, Studien renommierter Universit√§ten). Dabei legen wir gro√üen Wert auf die Qualifikation der Autoren und den wissenschaftlichen Hintergrund der Informationen. Somit stellen wir sicher, dass unsere Recherchen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.
Danilo Glisic

Danilo Glisic
Autor

Als Biologie- und Mathematikstudent verfasst er leidenschaftlich Magazinartikel zu aktuellen medizinischen Themen. Aufgrund seiner Affinität zu Zahlen, Daten und Fakten, liegt sein Fokus dabei auf der Beschreibung von relevanten klinischen Studienergebnissen.

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