Modifiziertes Paracetamol bekommt Patent

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Als eine der am meisten verbreiteten Substanzen global, ist Paracetamol als Schmerzmittel auch ohne Rezept verfügbar und wird gegen Kopfschmerzen, Zahnschmerzen oder Fieber angewendet. Ein Unternehmen aus München hat nun den alten Wirkstoff mittels Glykosylierung neu synthetisiert und ein Patent angemeldet. Doch wird der Wirkstoff dadurch effektiver?

Newport, Wales/UK - 04/22/2020:Two boxes of pain killers by Tesco. One box is paracetamol and the other is ibuprofen.

shutterstock.com / GarethWilley

Paracetamol-Glykosylierung:

Glykosylierung beschreibt enzymatische und chemische Reaktionen, bei denen Kohlenhydrate an Proteinen oder Lipiden gebunden werden. Das dabei entstandene Reaktionsprodukt bezeichnet man als Glykosid – bei Proteinen als Peptidoglycan. Für laborchemische Synthese sind viele spezifische Methoden der Glykosylierung entwickelt worden und der Prozess dient unterschiedlichen Funktionen wie Stabilität von manchen Proteinen oder Abbauschutz vor diesen. Auch die unterschiedlichen Blutgruppen im Menschen verzeichnen Glykosylierung von Blutkörperchen. 

Retardierung:

Diesen Prozess hat sich das Unternehmen 4GENE in München zu Nutze gemacht, um den erstmals 1877 hergestellten Stoff neu zu definieren. Ziel der geänderten Struktur des Medikaments ist eine verzögerte, verlängerte, langanhaltende oder kontrollierte Wirkstofffreigabe. Durch die sogenannte Retardierung kann der Ort und die Geschwindigkeit der Freisetzung modifiziert werden. Außerdem kann als Nebenprodukt der retardierte Wirkstoff selbst im Markt „wiedergeboren“ werden. – wie in dem Fall von Paracetamol. Laut dem Unternehmen konnte eine effektive Methode zur biotechnologischen Synthetisierung eines Paracetamol-ß-D-Glukosids entwickelt werden. Der Prozess wurde ursprünglich für Aromen entwickelt - denn die Firma bietet ansonsten modifizierte Aromen- und Duftstoffe für die Lebensmittel-, Kosmetik- und Pharmaindustrie.  Laut Geschäftsführer von 4GENE wird der Wirkstoff neu modifiziert und könnte dadurch vom menschlichen Körper einfacher aufgenommen werden und dessen Wirkung kontrollierter ausbreiten. Dieser Prozess wurde schon beim Deutschen Patentamt zum Patent angemeldet. 

Effizienter als herkömmliches Paracetamol?

Dem Unternehmen zufolge besitzt das Derivat mehr Wirkstoffeigenschaften als das schon bekannte Paracetamol. Aufgrund einer 40-fach erhöhten Wasserlöslichkeit könnte der Körper den Wirkstoff einfacher aufnehmen. Dabei kann die Aktivierung der Paracetamol-Wirkstoffe schon im Speichel oder im Darm stattfinden, da diese im Körper durch bestimmte körpereigene Enzyme, sogenannte Glukosidasen, freigesetzt werden. Dieser Prozess soll laut 4GENE nicht nur für den Wirkstoff Paracetamol möglich sein, sondern auch bei niedermolekularen Alkoholen, Phenolen und primären und sekundären Aminen (d.h. Derivate von Ammoniak) herzustellen sein, da das Modifizierungsverfahren für viele verschiedene Wirkstoffe ähnlich sei. 

EMA suspendiert bestimmte modifizierte Paracetamol Produkte:

Im Allgemeinen vertritt der Pharmakovigilanzausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur (d.h. PRAC) die Meinung, dass der Nutzen von Paracetamol größer sei als die damit verbundenen Risiken, solange es ordnungsgemäß verwendet wird. Laut PRAC sind retardierte Arzneimittel mit Paracetamol-Gehalt jedoch problematisch, da diese Paracetamol über einen längeren Zeitraum langsamer freisetzen sollen als die üblichen Produkte mit sofortiger Freisetzung. 

Ende des Jahres 2017 hat das zuständige Gremium CMDh (d.h. Coordination Group for Mutual Recognition and Decentralised Procedures – Human) die von der EMA veröffentlichte Empfehlung, die Vermarktung von Paracetamol-haltigen Produkten mit modifizierter oder verzögerter Freisetzung auszusetzen, bestätigt.  

Laut Gremium sollen die Vorteile des retardierten Produkts die Komplikationen bei der Behandlung einer Überdosierung des Arzneimittels nicht überwiegen. Die CMDh argumentiert, dass die Behandlungsverfahren für Arzneimittel mit sofortiger Paracetamol-Freisetzung nicht für retardiertes Paracetamol geeignet sind, da es in manchen Fällen möglicherweise nicht bekannt ist, ob eine Überdosierung durch modifiziertes oder nicht-modifiziertes Paracetamol verursacht wurde. Dadurch wird es umso komplizierter zu entscheiden, wie der Überdosis-Fall behandelt werden sollte. Da es nicht möglich war, eine standardisierte Methode zur Anpassung des Managments von Überdosierungen im gesamten EU-Bereich für sofort freisetzendes Paracetamol und modifiziertes Paracetamol zu vereinbaren, wurde das Aussetzen von solchen modifizierten Produkten empfohlen.

Retardierte Arzneimittel bleiben ausgesetzt, es sei denn, die Pharmaunternehmen könnten praktische EU-weite Maßnahmen nachweisen, um eine Überdosierung dieser Produkte zu verhindern. Produkte mit sofortiger Freisetzung von Paracetamol, die von der Überprüfung nicht betroffen sind, sollen laut EMA des Weiteren verfügbar sein.

Fazit:

Daher ist Paracetamol – im Gegensatz zu retardiertem Ibuprofen oder Diclofenac - in Deutschland weiterhin ausschließlich in sofortiger Freisetzungsform am Markt. Ohne weitreichende klinische Studien, die eine Sicherheit beweisen, ist es zurzeit noch nicht möglich eine genaue Aussage zu treffen, ob der modifizierte Wirkstoff durch den Prozess der Glykosylierung sicherer werden würde. Da 4GENE lediglich in der Biotechnologie tätig ist, ist für eine klinische Studie ein Pharmaunternehmen nötig, welches diese durchführen würde. Daher bleibt die Zukunft des neu formulierten Paracetamol und der Vermarktung des Wirkstoffes weiterhin interessant. 


Wirkstoffe:

    Autor

    Danilo Glisic

    Letztes Update

    02.08.2021

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