Ticstörungen

Ticstörungen

Grundlagen

Ticstörungen gehören zu den extrapyramidal-motorischen Hyperkinesien. Das bedeutet, dass es sich um überschießende Bewegungen handelt. Dabei kann es sich sowohl um einfache Muskelzuckungen als auch um komplexe Bewegungsabfolgen handeln. Auch verbale Ausrufe können vorkommen. Obwohl es sich um eine seltene Ticstörung handelt, ist das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (oder “Tourette-Syndrom”) in der allgemeinen Bevölkerung bekannt. Bei dieser Ausprägungsform kommt es zu mehreren motorischen und vokalen Tics, die jedoch nicht unbedingt gleichzeitig auftreten müssen.

Im Kindesalter sind Ticstörungen sehr häufig und in den meisten Fällen nicht besorgniserregend. Etwa ein Viertel aller Kinder entwickelt Tics, welche innerhalb weniger Tage bis Wochen spontan wieder verschwinden. Eine Therapie ist in diesem Fall nicht notwendig.

Ursachen

Neben der genetischen Veranlagung spielt bei der Entwicklung von Ticstörungen auch die Schwangerschaft eine Rolle. In Studien konnte ein Zusammenhang mit Rauchen, Alkoholkonsum, Medikamenteneinnahme, Drogen und Stress während der Schwangerschaft nachgewiesen werden. Auch Infektionen mit bestimmten Bakterien könnten die Entwicklung einer Ticstörung auslösen, etwa nach einer Mittelohrentzündung, Scharlach oder Mandelentzündung.

Symptome

Ein Tic ist eine schnelle, ungewollte Bewegung oder Lautproduktion, welche zwar wiederholt, aber nicht rhythmisch ausgeführt wird. Obwohl sie nicht direkt steuerbar sind, können sie für individuell unterschiedliche Zeitspannen unterdrückt werden. Durch Stress können sie verstärkt werden, sie treten jedoch auch in entspannten Situationen auf. Im Schlaf kommt es zu keinen Tics. Die Beschwerden können stark schwanken und sogar zeitweise komplett verschwinden, ehe sie wieder zum Vorschein kommen. Man kann zwischen einfachen und komplexen sowie zwischen motorischen und vokalen Tics unterscheiden. 

Beispiele für einfache motorische Tics sind unter anderem:

  • Kopfbewegungen
  • Blinzeln, Augen zusammenkneifen
  • Schulterzucken
  • Grimassen

Beispiele für komplexe motorische Tics sind unter anderem:

  • Hüpfen
  • Körperverdrehungen
  • Echopraxie: Imitieren von Bewegungen anderer Menschen

Beispiele für einfache vokale Tics sind unter anderem:

  • Räuspern
  • Tiergeräusche (z.B. Bellen)
  • Schmatzen

Beispiele für komplexe vokale Tics sind unter anderem:

  • Echolalie: Nachsprechen von Wörtern und Sätzen anderer Menschen
  • Koprolalie: Ausrufen von Fäkalsprache oder obszönen Begriffen


Zu Beginn fallen die Tics den betroffenen Kindern oftmals gar nicht auf. Meist sind die Eltern oder Lehrpersonen die Ersten, die die seltsamen Verhaltensweisen bemerken. Später haben Betroffene oft eine Vorahnung, kurz bevor ein Tic auftritt. Außerdem besteht oft ein Leidensdruck aufgrund der als unangemessen empfundenen Ausrufe und Bewegungen. Nicht selten stoßen die Betroffenen auf Unverständnis, Empörung oder Zurückweisung. Insbesondere bei Koprolalie, also dem Ausrufen obszöner Wörter, kann es zu Konflikten mit Mitmenschen kommen. Obwohl es das bekannteste Symptom ist, kommt die Koprolalie gar nicht so häufig vor. Bei Tourette-Betroffenen sind es nur etwa 10 bis 20 Prozent.

Diagnose

Meist wird die Diagnose erst spät gestellt. Sie wird vorwiegend durch Erhebung der Beschwerden gestellt (Anamnese). Dabei sind insbesondere auch das Ausmaß der Tics, der Verlauf, Unterdrückbarkeit und Vorahnungsgefühl wichtig. Dadurch kann eine Ticstörung von anderen Bewegungsstörungen oder Zwangsstörungen abgegrenzt werden. Da betroffene Kinder häufig nicht alle Tics bemerken, kann es helfen die Eltern hinzuzuziehen. Auch Risikofaktoren wie Tic-Störungen in der Familie (Familienanamnese) und kürzlich durchgemachte Infektionserkrankungen sollten erhoben werden. Der Fragebogen Yale Global Tic Schweregradskala (YGTSS) kann eingesetzt werden, um die Ausprägung der Erkrankung einzuschätzen.

Auch andere Erkrankungsbilder müssen in Betracht gezogen werden, beispielsweise:

  • Blepharospasmus: Krämpfe in der Lidmuskulatur, meist beidseitig 
  • Oromandibuläre Dystonie: wiederholende Muskelkrämpfe in der Mundregion
  • Spasmus hemifacialis: einseitige schmerzlose Muskelzuckungen, meist mit Beginn um das Auge

Eine Bildgebung mittels MRT oder die Messung der Hirnaktivität mittels EEG ist in der Regel nicht erforderlich, kann jedoch in gewissen Fällen andere Erkrankungen ausschließen.

Therapie

Ticstörungen werden in der Regel nur medikamentös behandelt, wenn es zu Schmerzen, Schlafproblemen, Leistungsverminderung oder psychischer Belastung kommt. Eine ursächliche Behandlung gibt es leider nicht, es gibt jedoch Medikamente die symptomatische Besserung erzielen. Dabei kommt es zu einer Milderung der Symptome, wodurch die Belastung geringer wird. Eine komplette Unterdrückung der Tics ist jedoch meist nicht möglich. Das Therapieprinzip basiert auf Dopamin-Blockern, welche den Überschuss an Dopamin in den Basalganglien ausgleichen.

Typische Arzneimittel wären etwa

  • Tiaprid (Delpral®), Sulpirid
  • Pimozid
  • Haloperidol (Haldol®)
  • Risperidon (Risperdal®)
  • Tetrabenazin, Topiramat, THC

Die Stoffklasse der Dopamin-Blocker kann häufig Hormonstörungen verursachen, was sich etwa in Ausfall der Regelblutung, Orgasmusstörungen, Brustschmerzen und Brustschwellungen, Brustwachstum beim Mann (Gynäkomastie), Milchproduktion und Potenzstörungen äußern kann. Diese Nebenwirkungen sind in der Regel nach dem Absetzen reversibel.

Des Weiteren kann es zu Parkinson-ähnlichen Symptomen kommen, wie etwa Händezittern, Muskelsteifheit, Bewegungsarmut und vermehrter Speichelfluss.

Weitere Nebenwirkungen sind unter anderem

  • Benommenheit, Teilnahmslosigkeit, Kraftlosigkeit
  • Unruhe, Schlaflosigkeit
  • Verwirrtheit, Halluzinationen
  • Schwindel, Kopfschmerzen

Unabhängig einer medikamentösen Behandlung ist die Psychoedukation der Betroffenen und Angehörigen besonders wichtig. Durch Beratung und Aufklärung kann die Krankheit besser verstanden werden und somit die psychische und soziale Belastung abnehmen. Oft kann allein schon diese Maßnahme zu einer ausreichenden Krankheitsbewältigung führen. In schwereren Fällen können zusätzlich verhaltenstherapeutische Methoden zum Einsatz kommen. Bei dem „Habit Reversal Training“ (HRT), frei übersetzt etwa „Gewohnheitsumkehr-Training“, wird die Früherkennung vor Tics gestärkt, sodass diesen durch z.B. Muskelanspannung entgegengesteuert werden kann. Bei dem „Exposure and Response Prevention Training“ (ERPT), also das Vermeidungstraining von Reaktionen, versucht man die Tic-Reaktion auf das unangenehme Vorgefühl zu durchbrechen.

Andere Ansätze stützen sich auf Entspannungstechniken. Bei der progressiven Muskelentspannung nach Jakobsen werden zum Beispiel verschiedene Muskelgruppen angespannt und anschließend wieder entspannt, wodurch man sich letztendlich auch psychisch entspannt. Für alle psychotherapeutischen Verfahren ist es wichtig, das Alter der Betroffenen in Betracht zu ziehen. Besonders bei Erkrankungsbeginn im Kindesalter kann es vorkommen, dass die Kinder noch zu jung sind, um die therapeutischen Ansätze auch umzusetzen.

In sehr seltenen Fällen kann die neurochirurgische Behandlung durch tiefe Hirnstimulation eingesetzt werden.

Wichtig ist auch die Behandlung von Komorbiditäten, also gleichzeitig vorkommenden Krankheiten. Dazu gehören etwa ADHS oder Zwangsstörungen, welche beide mittels verschiedener psychotherapeutischer Verfahren behandelt werden können. Gegen ADHS-Symptome stehen auch psychisch stimulierende Arzneimittel zur Verfügung, wie etwa Methylphenidat (Ritalin®, Concerta®). Bei Zwangsstörungen kommen Antidepressiva zum Einsatz.

Prognose

Häufig verlaufen Ticstörungen chronisch. Die Symptome beginnen meist in der Kindheit vor dem 10. Lebensjahr und können bis in das Erwachsenenalter andauern. 20 bis 70% werden jedoch wieder symptomfrei. Oft treten die Tics gemeinsam mit Erkrankungen wie ADHS, Asperger-Autismus, Zwangsstörungen oder anderen psychischen Beschwerden auf.

Vorbeugen

Es gibt keine spezifische Prophylaxe zur Vorbeugung von Ticstörungen. Da es Hinweise auf einen Zusammenhang mit Substanzmissbrauch in der Schwangerschaft gibt, insbesondere für Tabakrauch und Alkohol, sollte auf diese Suchtmittel während der Schwangerschaft verzichtet werden.

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