Mythos: Serotonin-Mangel als Ursache fĂŒr Depressionen?

Nahaufnahme einer Pille mit Smiley-Gesicht in einer Hand

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Die Depression gehört wohl zu den bedeutendsten psychischen Erkrankungen und fĂŒhrt zu einem hohen Leidensdruck bei den Betroffenen und oft auch ihrem sozialen Umfeld. Sie ist Subjekt vielerlei Forschung, dennoch ist bislang nicht genau klar, welche biochemischen VorgĂ€nge die Erkrankung entstehen lassen. Die Serotonin-Hypothese steht jetzt auf dem PrĂŒfstand.

Nahaufnahme einer Pille mit Smiley-Gesicht in einer Hand

KatarzynaBialasiewicz / iStock

Was weiß man ĂŒber die Ursache der Erkrankung?

Man geht heute davon aus, dass die Erkrankung aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren heraus entsteht (sogenannte multifaktorielle Pathogenese). Demnach gibt es sowohl neurobiologische EinflĂŒsse, die das Auftreten dieses psychischen Leidens begĂŒnstigen, als auch Auslöser aus der Umwelt, hier insbesondere auf der psychosozialen Seite.

Auf der neurobiologischen Seite werden vor allem genetische Faktoren mit einer erhöhten AnfĂ€lligkeit fĂŒr die Depressionserkrankung assoziiert. Eine VerĂ€nderung auf der Stresshormonachse bewirkt auf dieser Grundlage ein Ungleichgewicht der Botenstoffe in bestimmten Hirnarealen, die dann den depressiven Zustand herbeifĂŒhren. Therapeutisch wird versucht, diese neurobiologischen Faktoren durch die Gabe von Medikamenten (Psychopharmaka, speziell Antidepressiva) zu behandeln.

Auf der psychosozialen Seite wurden vor allem frĂŒhe traumatische Erlebnisse als AnfĂ€lligkeitsfaktoren fĂŒr eine spĂ€tere Depressionserkrankung auf dem Boden der vorhandenen genetisch bedingten VulnerabilitĂ€t identifiziert. Auslöser, die in einen depressiven Zustand fĂŒhren können, sind zum Beispiel Verlusterlebnisse oder chronische Überlastung in den sozialen BezugsrĂ€umen (Familie, Freunde, berufliches Umfeld, o.a.). Therapeutisch wird hier durch Psychotherapie, vor allem GesprĂ€chstherapie, interveniert.

Dabei ist zu beachten, dass die psychosoziale und die neurobiologische Seite keineswegs GegensĂ€tze sind, sondern sich vielmehr ergĂ€nzen. Aufgrund dessen wĂ€re es falsch zu behaupten, eine Depressionserkrankung habe nur biologische oder nur psychosoziale Ursachen. Therapeutische AnsĂ€tze mĂŒssen beide Seiten betrachten, was der Grund fĂŒr die heute ĂŒbliche Depressionstherapie mit sowohl pharmakologischer als auch psychotherapeutischer Behandlung ist.

Nachdenkliche Frau sitzt auf Sofa und blickt weg

fizkes / iStock

Die Serotonin-Hypothese – Der heutige Wissensstand

Es wurde lange Zeit, seit den 1960ern, angenommen, dass ein Ungleichgewicht im Serotoninhaushalt zu depressiven Erkrankungen fĂŒhrt. Diese Hypothese fĂŒhrte zur Entwicklung verschiedener Medikamente, vor allem den sogenannten "selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern" (kurz: SSRI) in den 1990ern. Diese Medikamente sollten einen Anstieg des Serotonins im synaptischen Spalt erhöhen. Die Hypothese, ein schlichter Mangel an Serotonin wĂŒrde zu depressiven Erkrankungen fĂŒhren, war schnell ĂŒberkommen, denn es zeigte sich bald, dass dieser simple ErklĂ€rungsansatz zu kurz griff. Mit fortschreitender Entwicklung der Hirnforschung zeigte sich vielmehr ein System komplizierter Wechselwirkungen im Hirnstoffwechsel, dessen Funktionsprinzip letztlich nicht genau gedeutet werden konnte.
Obwohl der Zusammenhang in jĂŒngerer Zeit immer mehr infrage gestellt wurde, hĂ€lt sich bis heute das hartnĂ€ckige GerĂŒcht, Depressionserkrankungen seien mit dem Serotoninstoffwechsel assoziiert. Die Hypothese wird nach wie vor in den wichtigsten psychiatrischen LehrbĂŒchern vertreten und unterstĂŒtzt.

Neue Studie lÀsst den Serotonin-Mythos massiv wanken

Annahmen und AusgangsĂŒberlegungen der neuen Studie

Eine im Juli 2022 im renommierten Fachmagazin "Nature" erschienene Studie, die von der britischen Psychiaterin und Forscherin Joanna Moncrieff und ihrem Team durchgefĂŒhrt wurde, erschĂŒttert die Hypothese, eine Depressionserkrankung sei mit, wie auch immer gearteten, Ungleichgewichten im Serotoninhaushalt assoziiert, in ihren Grundfesten.

Das Team um Moncrieff griff Annahmen auf, wonach ein gewisser positiver Effekt der SSRI auf das Krankheitsbild nicht in ihrer eigentlichen Wirkungsweise begrĂŒndet ist, sondern durch einen verstĂ€rkten Placebo-Effekt beziehungsweise der Eigenschaft der SSRI, Emotionen generell einzuschrĂ€nken oder abzustumpfen.
Trotz des hohen Einflusses der Serotonin-Theorie vor allem auf die Behandlung depressiver Erkrankungen, fehlte es bislang an einer umfassenden Übersicht, mit welcher die wesentlichen Erkenntnisse ĂŒber die Theorie zusammengefasst wurden.

Ziel der Studie war es demnach, ein systematisches Review ĂŒber alle gesicherten Erkenntnisse durchzufĂŒhren, die im Zusammenhang mit der Serotonin-Hypothese stehen.

Forschungsdesign / Methodik

Aufgrund der Vielzahl an zu berĂŒcksichtigenden Forschungsergebnissen wurde ein sogenanntes "Umbrella Review" durchgefĂŒhrt. Diese Form des Reviews gibt einen Überblick ĂŒber bereits im jeweiligen Forschungsfeld vorhandenen systematischen Reviews und Meta-Studien. Durch die große Menge an verarbeiteten und berĂŒcksichtigten Daten stellen diese "Umbrella Reviews" eine der höchstmöglichen Stufen der Evidenzsynthese dar.

ZunĂ€chst wurde eine Übersicht ĂŒber solche Forschungsberichte erstellt, welche die Serotonin-Hypothese unterstĂŒtzten.
Daraus wurden sechs zentrale Fragen abgeleitet, zum Beispiel, ob depressiv Erkrankte einen niedrigeren Serotonin-Spiegel im Vergleich zur nicht erkrankten Normalpopulation aufwiesen oder bei depressiv Erkrankten eine signifikante VerÀnderung der Rezeptoren im Vergleich zur Normalpopulation nachgewiesen werden konnte.

Die Einschlusskriterien fĂŒr die ĂŒberprĂŒften Forschungsergebnissen wurden so ausgewĂ€hlt, dass die beste verfĂŒgbare Evidenz aus dem jeweiligen Forschungsfeld zur VerfĂŒgung stand.
Ausgeschlossen wurden Tierstudien und solche Studien, die sich ausschließlich mit Depressionen infolge körperlicher Erkrankungen, wie etwa nach einem Schlaganfall, befasst hatten.
Restriktionen wurden weder hinsichtlich der Sprache, noch des Erscheinungsjahres der jeweiligen Studie vorgenommen. Aus den Forschungsgebieten, auf denen es innerhalb der letzten 10 Jahre kein systematisches Review oder eine Meta-Studie gegeben hatte, wurden die zehn neuesten Studien auf eben diesem Gebiet in das "Umbrella Review" eingeschlossen.

Resultate

Das "Umbrella Review" erbrachte keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einer verĂ€nderten Serotonin-AktivitĂ€t und Auftreten von Symptomen einer Depression. Zwar gab es einige Hinweise, die die Erkrankung mit einer generellen InaktivitĂ€t von Serotonin in Verbindung bringen, jedoch waren die Ergebnisse dieser Studien großen Unsicherheiten unterworfen, hauptsĂ€chlich infolge kleiner Stichproben und möglicher VerfĂ€lschungen der Ergebnisse durch die vorangegangene Einnahme von Antidepressiva. Ebenso von geringer Sicherheit waren frĂŒhere Studien, welche die Erkrankung mit einem Tryptophanmangel assoziierten, deren Aussagekraft auch durch unzureichende Studien-Designs eingeschrĂ€nkt wird.

Die umfassende ÜberprĂŒfung der wichtigsten ForschungsbeitrĂ€ge zu dem Thema zeigt, dass keine ĂŒberzeugende Evidenz fĂŒr die Hypothese, in welcher Depressionen mit einer geringeren Serotoninkonzentration oder -aktivitĂ€t assoziiert sind oder durch einen, wie auch immer gearteten, Zusammenhang verursacht werden, besteht.

Auch eine erweiterte Hypothese, die Ă€ußeren Stress der Serotonin-Hypothese hinzufĂŒgt, kann infolge des "Umbrella Reviews" nicht bestĂ€tigt werden. Stattdessen werden die Ergebnisse einiger Studien, die einen schwachen Zusammenhang der Erkrankung mit dem Serotoninhaushalt beziehungsweise einem Tryptophanmangel nahelegen, mit den Effekten einer vorherigen Einnahme von Antidepressiva in Verbindung gebracht. Diese Vermutung sei mangels durchgehender Konsistenz der Indizien aber nicht hinreichend belegbar.

Interpretation der Ergebnisse

Die Theorie, dass ein chemisches Ungleichgewicht im Hirnstoffwechsel zu depressiven Erkrankungen fĂŒhrt, kann durch dieses "Umbrella Review" als Ă€ußerst erschĂŒttert angesehen werden. Insbesondere stellt es vor allem den bisher gĂ€ngigen Ansatz der medikamentösen Therapie mittels SSRI infrage. Die Ergebnisse der Studie geben gar Hinweise darauf, dass die langfristige Einnahme dieser Medikamente zu einer Absenkung des Serotoninspiegels fĂŒhren kann, was bedeuten könnte, dass ein Anstieg der Serotoninkonzentration im Blut durch die Antidepressiva kompensiert wird und die Medikamente dadurch genau das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich beabsichtigt war.
Dagegen zeigt das "Umbrella Review", dass es vor allem belastende und traumatische Lebensereignisse sind, die großen Einfluss auf das Risiko, depressiv zu werden, nehmen.

Vor allem aus zwei GrĂŒnden sind die Forschungsergebnisse von großer Bedeutung:
Zum einen wird der bisherige Behandlungsansatz mittels Gabe von SSRI infrage gestellt und möglicherweise sogar mit langfristig negativen Effekten auf das Krankheitsbild in Verbindung gesetzt.
Zum anderen ergeben sich Implikationen auf das SelbstverstĂ€ndnis von Erkrankten und ihrer oftmals fatalistischen Einstellung der Krankheit gegenĂŒber. Die lange verbreitete Annahme, Depressionen seien auf eine Störung des Hirnstoffwechsels zurĂŒckzufĂŒhren, hat vielen Betroffenen die Aussicht auf eine Verbesserung ihres Zustandes, vor allem ohne dauerhafte Einnahme von Medikamenten, genommen. Die neuere Forschung zeigt nun, dass statt Ungleichgewichten im Hirnstoffwechsel vielmehr traumatische Lebensereignisse mit depressiven Erkrankungen assoziiert sind.
Weitere Forschung wird zeigen mĂŒssen, welche BehandlungsansĂ€tze Symptome dieser schweren Erkrankung am effektivsten lindern können. Nach dem langen Irrweg betreffend die Behandlung mit SSRI, könnte die Studie, mit ihren Hinweisen auf vor allem psychosoziale Ursachen, neue Impulse im Bereich der Psychotherapie beziehungsweise GesprĂ€chstherapie setzen.

Dennoch sollten Betroffene keinesfalls ohne RĂŒcksprache mit ihren Behandlern verordnete Antidepressiva absetzen.

Nahaufnahme von psychologischem GesprÀch mit Therapeut

Prostock-Studio / iStock

Fazit

Lange Zeit wurden Depressionen mit einer Störung des Hirnstoffwechsels assoziiert. Medikamente, insbesondere SSRI, gelten immer noch als "Goldstandard" bei der Behandlung. Das vorliegende "Umbrella Review" erschĂŒttert die Serotonin-Hypothese in ihren Grundfesten und gibt sogar Hinweise darauf, dass die Einnahme von SSRI langfristig zu nachteiligen Effekten auf das Krankheitsbild fĂŒhrt. Stattdessen ergeben sich Andeutungen darauf, dass sich Behandlungskonzepte stĂ€rker auf den Umgang mit externen Ereignissen aus dem psychosozialen Bereich fokussieren sollten.

Redaktionelle GrundsÀtze

Alle fĂŒr den Inhalt herangezogenen Informationen stammen von geprĂŒften Quellen (anerkannte Institutionen, Fachleute, Studien renommierter UniversitĂ€ten). Dabei legen wir großen Wert auf die Qualifikation der Autoren und den wissenschaftlichen Hintergrund der Informationen. Somit stellen wir sicher, dass unsere Recherchen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.
Olivia Malvani, BSc

Olivia Malvani, BSc
Autor

Als Studentin der ErnĂ€hrungswissenschaften verfasst sie Magazinartikel zu aktuellen medizinisch-pharmazeutischen Themen und verbindet diese mit ihrem persönlichen Interesse fĂŒr prĂ€ventive ErnĂ€hrung und Gesundheitsförderung.

Letztes Update

19.10.2022

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