Chronischer Schmerz

Chronischer Schmerz
Internationale Klassifikation (ICD) R52.-

Grundlagen

Den akuten Schmerz (Schutzschmerz) kann man als Warnsignal des Körpers verstehen, der den Sinn hat, dem Gehirn eine körperliche Störung zu melden. Der chronische Schmerz hingegen, hat seine eigentliche Aufgabe verloren und existiert selbstständig. Dies geschieht, indem Nervenzellen dem Gehirn Schmerzen signalisieren, die keinen ersichtlichen Grund haben.

Laut Angaben der Deutschen Schmerzliga, sind viele Millionen Menschen von akuten oder chronischen Schmerzen betroffen. Ein Teil der Betroffenen leidet an so komplexen Schmerzen, dass hier nur Spezialisten zu Rate gezogen werden sollten, sogenannte ärztliche Schmerztherapeuten. Deren Behandlungsangebot wird hingegen immer noch weitgehend nicht wahrgenommen.

Bei der chronischen Schmerzsymptomatik unterscheiden Experten drei Grundtypen von Schmerz:

  • Periphere Projektionsschmerzen (z.B. Trigeminusneuralgie, Sudeck-Syndrom)
  • Zentraler Schmerz, der sich ausgehend vom Gehirn oder R√ľckenmark ausbreitet (z.B. brennender Dauerschmerz nach einem Schlaganfall, ‚ÄěThalamusschmerz‚Äú)
  • √úbertragungsschmerz (jener Schmerz, der aufgrund eines Organschadens auf ein bestimmtes Hautareal projiziert wird, ‚ÄěHead-Zone‚Äú).

Ursachen

Chronischer Schmerz z√§hlt nicht zu einem nat√ľrlichen Zustand des K√∂rpers, sondern geschieht, indem Nervenimpulse selbstst√§ndig werden. Gibt eine Nervenzelle wochenlang, zum Beispiel nach einer Verletzung, Impulse an das Gehirn, vollzieht ihr Stoffwechsel eine Ver√§nderung.

Dauern die Schmerzen mindestens drei bis sechs Monate an und f√ľhren bei den Patienten zu einem seelisch und k√∂rperlich eingeschr√§nkten Befinden, spricht man von chronischen Schmerzen.

Der Ursprung des chronischen Schmerzes kann eine rheumatische Erkrankung, ein Bandscheibenvorfall, oder aber auch eine Entz√ľndung sein. H√∂rt dieser Schmerz einmal auf, sendet die Zelle dennoch oftmals Impulse weiter. In diesem Fall spricht man von einem ausgebildeten Schmerzged√§chtnis.

Die ver√§nderte Signal√ľbertragung spielt sich meistens im R√ľckenmark ab. Dort findet sie Aktivierung des Schmerzged√§chtnisses statt. Ist diese Aktivierung einmal vollzogen, f√§llt es schwer angenehme Reize wie etwa W√§rme, Ber√ľhrung oder Dehnung nicht als Schmerz zu empfinden. Dies kann soweit gehen, dass sogar seelische Belastungen, Angst oder die alleinige Erinnerung an das Stechen und Ziehen schmerzausl√∂send wirken k√∂nnen.

Um die Aktivierung des Schmerzgedächtnis zu verhindern, sollten akute Schmerzen ernst genommen und zeitgerecht behandelt werden. Nur so lässt sich ein Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen verhindern.

Symptome

Dauern Schmerzen √ľber einen Zeitraum von mindestens drei bis sechs Monaten an und f√ľhren sie zu einer starken Beeintr√§chtigung des Betroffenen, dann spricht man von chronischem Schmerz. Dabei liegt die urspr√ľngliche Ursache des Schmerzes meist nicht vor, oder kann nicht behoben werden. Dar√ľber hinaus k√∂nnen bestimmte Umwelteinfl√ľsse, wie etwa Stress oder Wetter√§nderungen zu einer Schmerzverst√§rkung f√ľhren, oder diese sogar ausl√∂sen.

Zu den häufigsten chronischen Schmerzformen zählen:

  • R√ľckenschmerzen (z.B. nach Bandscheibenvorfall, Nervenwurzelkompressionssyndrom)
  • Kopfschmerzen (u.a. Migr√§ne, Spannungskopfschmerzen, Schmerzmittelkopfschmerzen, Clusterkopfschmerzen)
  • Rheumatische Schmerzen (u.a. Arthritis, Firbomygalie)
  • Neuralgie (u.a. Trigeminusneuralgie, G√ľrtelrose)
  • Tumorschmerzen (haupts√§chlich bei Knochenmetastasen)
  • Schmerzen, die durch Abbauprozesse ausgel√∂st werden (Degenerative Schmerzen, u.a. Osteoporose, Arthrose)
  • Phantomschmerzen (u.a. nach Amputationen oder bestimmte Nervensch√§den (Plexusabriss))

Diagnose

Rund 50 Prozent der Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, suchen einen Arzt auf. Die vielen Unterschiede in der Schmerzform, sowie die unterschiedliche Entstehung des chronischen Schmerzes, machen deutlich, dass eine ausf√ľhrliche Diagnostik n√∂tig ist, um eine vielf√§ltige Therapie zu erstellen.

Normalerweise nimmt sich der behandelnde Arzt viel Zeit f√ľr Personen mit chronischen Schmerzen und erstellt eine genaue Schmerzanamnese. Der Betroffene sollte ein Schmerztagebuch f√ľhren. Dies hilft dem Arzt den Grund hinter der Symptomatik zu finden. Zur Diagnose k√∂nnen ebenfalls zus√§tzliche Befunde, wie etwa √§ltere Arztbriefe und R√∂ntgenbilder hilfreich sein.

Der Arzt versucht auch eventuelle Belastungsfaktoren in der momentanen Lebenssituation zu erfragen, denn diese √ľben einen gro√üen Einfluss auf die momentane Schmerzwahrnehmung aus. Dar√ľber hinaus wird die Intensit√§t des Schmerzes von dem Betroffenen selbst auf einer Skala beurteilt (visuelle Analog-Skala).

Die folgenden Untersuchungen können zum Tragen kommen:

  • Eingehende k√∂rperliche Untersuchung
  • Neurologische Untersuchung
  • Orthop√§dische Untersuchung
  • Eventuell erg√§nzend neurophysiologische Diagnostik: Elektoneurografie (ENG) und Elektromyografie (EMG)
  • Bildgebende Untersuchungsmethoden wie Ultraschall, Computertomografie (CT) oder Kernspintomografie (MRT).

Therapie

Die Therapie orientiert sich an den vielfältigen Ursachen und Faktoren, die die Krankheit verstärken. Dabei wird sowohl medikamentös, als auch mittels ergänzender Verfahren, die körperliche, seelische und soziale Komponente umfassen, vorgegangen.

Das Ziel der Schmerztherapie ist dabei einerseits die Unterbrechung der Schmerzleitung (medikamentös) und andererseits die Schmerzwahrnehmung des Betroffenen zu verändern (nicht-medikamentös).

Medikamente:

Basis vieler Dauerbehandlungen stellen häufig Medikamente dar. Die Schmerztherapie wird laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in drei Stufen unterteilt (WHO- Stufenschema):

  • Stufe I: Nichtsteroidale Antirheumatika bei leichten Schmerzen
  • Stufe II: Opioide bei m√§√üigen bis starken Schmerzen
  • Stufe III: Opioide bei starken bis st√§rksten Schmerzen

Oftmals beginnt die Behandlung mit einem Entzug solcher Medikamente wie oben angef√ľhrt, die eine Rolle in der Chronifizierung des chronischen Schmerzes spielen k√∂nnen. Als Beispiel ist der medikamenteninduzierte Kopfschmerz zu nennen, der sich ausbildet, wenn die Betroffenen an mehr als zehn Tagen pro Monat Schmerzmittel konsumieren. Erg√§nzend dazu k√∂nnen bei einigen Schmerzformen zus√§tzliche Medikamente verabreicht werden, beispielsweise krampfl√∂sende Mittel (Antikonvulsiva) bei Koliken. Einige Antidepressiva haben als positive Nebenwirkung mitunter eine sehr gute schmerzlindernde Wirkung.

Weiters k√∂nnen auch Medikamente aus der Gruppe der Anti- Epileptika gegen Dauerschmerz eingesetzt werden. Dies gilt vor allem f√ľr Nervenschmerzen (Neuralgie), wo sich Wirkstoffe wie Carbamezepin, Oxcarbamezepin, Oxcarbazepin, Gabapentin oder Pregabalin als deutlich positiv bew√§hrt haben.

Andere Therapien:

Abhängig von der Schmerzform stehen ergänzend zur Psychotherapie und der medikamentösen Einstellung noch weitere Therapieformen zur Auswahl:

  • Akupunktur
  • Bewegungstherapie
  • Verhaltenstherapie, wie etwa Stressbew√§ltigungstraining oder Biofeedback
  • Krankengymnastik und manuelle Therapie zur St√§rkung oder Entlastung von Muskelgruppen
  • Mittels transkutaner elektrischer Nervenstimulation (TENS) k√∂nnen die Nervenstrukturen durch Stromimpulse auf der Haut gereizt werden.
  • Autogenes Training
  • Nervenblockaden z.B. Sympathikusblockade durch die Gabe von Guanethidin
  • Schmerzpumpen, die implantiert werden und kontinuierlich Wirkstoffe zur Schmerzmittelspiegelhaltung abgeben
  • Lokalan√§sthesien oder Regionalan√§sthesien z.B. mit Peridualkatheter
  • Entlastungsoperationen z.B. bei Karpaltunnelsyndrom
  • Palliativoperationen zur Schmerzreduktion bei nicht heilbaren Krebserkrankungen

Lebensstil:

Mitunter k√∂nnen auch einfache Methoden wie etwa eine √Ąnderung des Ern√§hrungsstils oder ein Arbeitsplatzwechsel die Schmerzen positiv beeinflussen.

Einige Schmerztherapien können nur stationär oder ambulant in einer Schmerzambulanz erfolgen. Hier arbeiten verschiedene Experten zusammen, wie etwa Anästhesisten, Psychotherapeuten, Chirurgen, Orthopäden und Neurologen.

Um sich √ľber den Verlauf und den Erfolg ein Bild zu machen, werden Patienten dazu angehalten, Schmerzfrageb√∂gen, Schmerztageb√ľcher und Verlaufsdokumente auch zu Hause weiterzuf√ľhren.

Prognose

Ein großes Problem bei Patienten mit chronischen Schmerzen stellt die oft fehlende fachärztliche Begleitung dar. Dadurch leiden viele Betroffene mehr als nötig unter den Schmerzen, da keine individuelle Betreuung erfolgt.

Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, sollten nachstehende Punkte beherzigen:

  • Ein speziell ausgebildeter Schmerzspezialist sollte aufgesucht werden
  • Medikamente sollten wie verordnet und nicht nur nach Bedarf eingenommen werden um wieder auftretende Schmerzen zu verhindern
  • Selbstbeobachtung ist wichtig, und hier vor allem in welchen Situation die Schmerzen besser oder schlechter werden
  • Bewegung in jeglicher Form ist wichtig. Diese kann joggen, spazieren gehen oder schwimmen sein. Regelm√§√üige k√∂rperliche Bet√§tigung st√§rkt K√∂rper und Psyche und hilft somit, die Schmerzen zu lindern.

Redaktionelle Grundsätze

Alle f√ľr den Inhalt herangezogenen Informationen stammen von gepr√ľften Quellen (anerkannte Institutionen, Fachleute, Studien renommierter Universit√§ten). Dabei legen wir gro√üen Wert auf die Qualifikation der Autoren und den wissenschaftlichen Hintergrund der Informationen. Somit stellen wir sicher, dass unsere Recherchen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.
Danilo Glisic

Danilo Glisic
Autor

Als Biologie- und Mathematikstudent verfasst er leidenschaftlich Magazinartikel zu aktuellen medizinischen Themen. Aufgrund seiner Affinität zu Zahlen, Daten und Fakten, liegt sein Fokus dabei auf der Beschreibung von relevanten klinischen Studienergebnissen.

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