Karpaltunnelsyndrom

Karpaltunnelsyndrom
Internationale Klassifikation (ICD) G56.-

Grundlagen

Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) beschreibt eine Reizung oder SchÀdigung des Nervus medianus, einem von insgesamt drei Armnerven. Der Nerv verlÀuft im Bereich des Handgelenks durch den Karpaltunnel, einem engen Durchgang, der von den Knochen der Handwurzel sowie von bindegewebigen BÀndern (Retinaculum flexorum genannt) gebildet wird. ZusÀtzlich ziehen die Beugesehnen der Finger durch diesen engen Tunnel.

Wirkt im Bereich des Karpaltunnels dauerhaft Druck auf den mittleren Armnerv ein, kann dieser dadurch gereizt oder geschĂ€digt werden, wodurch sich ein Karpaltunnelsyndrom entwickeln kann. Bei manchen Menschen ist das Risiko fĂŒr ein KTS anatomisch bedingt, durch einen von Geburt an engen Tunnel stark erhöht. Unter ungĂŒnstigen Bedingungen, wie beispielsweise einer monoton belastenden Handbewegung bei der Arbeit, kann der Nerv schnell gereizt werden. Zumeist liegt die Ursache nicht in einer angeborenen Tunnelenge, sondern etwa in einer EntzĂŒndung und Schwellung der Sehnenscheiden,die ebenfalls im Karpaltunnel verlaufen.

Es gibt verschieden starke Formen des KTS – die Symptome reichen von einem leichten TaubheitsgefĂŒhl in den Fingerspitzen bis hin zu bleibenden LĂ€hmungen. Zumeist tritt das KTS erstmalig im Alter zwischen 40 und 70 Jahren auf, Kinder entwickeln nur sehr selten das Syndrom. Frauen sind etwa dreimal hĂ€ufiger betroffen als MĂ€nner.

Ursachen

Die Ursache des Karpaltunnelsyndroms liegt darin, dass durch eine Einengung des Karpaltunnels der darin verlaufende Nervus medianus gereizt wird. Meistens entsteht ein KTS, wenn bei bestehender relativer anatomischer Enge, eine Schwellung des Gewebes durch eine EntzĂŒndung, mechanische Überbeanspruchung oder eine sonstige Erkrankung hinzukommt. Faktoren, die die Entstehung fördern, sind unter anderen Schwangerschaft, NierenschĂ€digungen, Diabetes mellitus, eine SchilddrĂŒsenunterfunktion, Alkoholmissbrauch, eine Verletzung des Handgelenks und einseitige manuelle Arbeit. Lassen sich jedoch keine primĂ€ren Ursachen nachweisen, spricht man von einem idiopathischen KTS.

Unter Rheumapatienten (primÀr chronische Polyarthritis) entwickelt jeder zweite Patient im Verlauf seiner Krankheit ein Karpaltunnelsyndrom. Bei jedem zehnten Rheumapatienten ist ein KTS das erste Anzeichen seiner Erkrankung.

Auch eine erhöhte Wassereinlagerung im Gewebe, wie sie in den Wechseljahren, bei einer SchilddrĂŒsenunterfunktion, Übergewicht, Diabetes oder im letzten Schwangerschaftsdrittel vorkommen kann, fördert die Entstehung eines Karpaltunnelsyndroms. Bei einer chronischen Niereninsuffizienz steigt mit fortlaufender Dialysedauer die Anzahl der zusĂ€tzlich an KTS erkrankten Patienten. Die Nervenreizung Ă€ußert sich meistens zunĂ€chst an dem Arm, an dem auch der Shunt (Zugang fĂŒr das DialysegerĂ€t) gelegt ist. HĂ€ufiges Arbeiten am Computer fĂŒhrt zu keiner erhöhten Gefahr, das KTS zu entwickeln.

Symptome

HĂ€ufig beginnt ein Karpaltunnensyndron (KTS) mit einem elektrisierenden oder kribbelnden GefĂŒhl in einem einzelnen Finger, bevor es spĂ€ter auf die Innenseiten von Daumen, Zeige-, Mittel- und einer HĂ€lfte des Ringfingers ĂŒbergreift. Die andere HĂ€lfte des Fingers sowie der kleine Finger werden von einem anderen Armnerv versorgt und können daher nicht von einem KTS betroffen sein.

Ein fĂŒr KTS charakteristisches Symptom ist das nĂ€chtliche Einschlafen der HĂ€nde. Dies verursacht Schmerzen in der Hand, die ĂŒber den Arm bis zu den Schultern ziehen können, wodurch die Betroffenen mitten in der Nacht aufwachen. In der frĂŒhen Phase des KTS lassen sich diese Beschwerden noch durch eine Umlagerung des Armes lindern. Morgens beim Aufwachen fĂŒhlen sich die Finger oft steif an und sind geschwollen. Betroffen sind beide HĂ€nde, jedoch sind die Symptome in der dominanten Hand stĂ€rker ausgeprĂ€gt. Mit der Zeit treten die Beschwerden auch zunehmend tagsĂŒber auf.

Bei Fortschreiten des Karpaltunnelsyndroms kommt es zu einem verminderten Tast- und GefĂŒhlssinn in den betroffenen Fingern. Die damit einhergehende Störung der Feinmotorik kann so weit reichen, dass es Betroffenen nicht mehr möglich ist, eine Stecknadel aufzuheben oder KleidungsstĂŒcke selbststĂ€ndig zuzuknöpfen.

Ist der Nerv im Karpaltunnel ĂŒber lĂ€ngere Zeit einem ĂŒberhöhten Druck ausgesetzt, fĂŒhrt dies zu einer NervenschĂ€digung. Dadurch verschwinden die Schmerzen, die Finger bleiben jedoch nahezu gefĂŒhllos. Ein hĂ€ufiges SpĂ€tsymptom des KTS stellt die Daumenballenatrophie dar: Da der Nerv keine Reize mehr an den Muskel weiterleiten kann, kommt es zu einem Muskelschwund, wodurch im Daumenballen eine Delle entsteht.

Diagnose

ZunĂ€chst wird in einer Anamnese (Ă€rztliches GesprĂ€ch) die Krankengeschichte erhoben, sodass auch die Erkrankung begĂŒnstigende Faktoren, wie eine monotone Arbeitsbelastung, zu starkes Muskeltraining oder eine Schwangerschaft, berĂŒcksichtigt werden können. Im Anschluss wird eine körperliche Untersuchung durchgefĂŒhrt, bei der der Zustand der Daumenballenmuskulatur ĂŒberprĂŒft und durch Beklopfen des Karpaltunnels festgestellt wird, ob dadurch Schmerzen oder Missempfindungen ausgelöst werden können (positives Hoffmann-Tinel-Zeichen). ZusĂ€tzlich wird noch der Phalen-Test durchgefĂŒhrt: bei diesem werden die Handgelenke durch das Gegeneinanderpressen der HandrĂŒcken gebeugt, wodurch bei einem vorhandenen Karpaltunnelsyndrom die Beschwerden verstĂ€rkt werden sollten.

Eine Sicherung der Diagnose ist jedoch nur durch eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeiten möglich. Dabei wird die Überleitungszeit des Nervus medianus zwischen dem Stimulationsort am Handgelenk und der von diesem Nerv aktivierten Daumenballenmuskulatur gemessen. Normale Werte sollten unter 4,2 ms liegen, jedoch variieren diese Werte je nach verwendeter Technik. Daher sollte die Geschwindigkeit mit den Werten des Nervus ulnaris, einem anderen Armnerven, der nicht durch den Karpaltunnel verlĂ€uft, verglichen werden. Zur Sichererung der Diagnose eines KTS mĂŒssen durch eine Untersuchung des Ellenbogen, des Schulterbereichs sowie der HalswirbelsĂ€ule andere mögliche Orte, an denen der Nervus medianus gereizt sein könnte, ausgeschlossen werden.

Je nach Schwere der Reizung muss nun eine operative Korrektur in ErwÀgung gezogen werden, da ansonsten der Nerv langsam absterben und irreversibel geschÀdigt werden könnte.

Therapie

Konservative Therapie

Besonders im Anfangsstadium des Karpaltunnelsyndroms kann versucht werden, die Beschwerden durch Tragen von speziellen Nachtschienen bzw. StĂŒtzverbĂ€nden fĂŒr untertags, zu mildern. Diese Art der Behandlung ist besonders bei jungen Menschen mit kurzer Krankheitsdauer, Schwangeren oder Erkrankten, bei denen die Ursache in einer anderen Erkrankung wie beispielsweise Diabetes Mellitus oder einer SchilddrĂŒsenunterfunktion liegt, die gesondert behandelt werden kann.

Folgende Maßnahmen können die Heilung unterstĂŒtzen:

  • Die Hand schonen und falls die Überbeanspruchung beruflich bedingt ist, eventuell auch dort mit VerĂ€nderungen ansetzen.
  • In der Nacht das Handgelenk mit einer Schiene in Normalstellung halten.
  • Bei EntzĂŒndungen ist das Spritzen von Kortisol in den Karpaltunnel wirksam, jedoch nicht risikofrei, da der Nerv, sowie die Sehnen geschĂ€digt werden könnten.
  • Die Wirkung von Diuretika (entwĂ€ssernde Mittel) und nicht- steroidalen Antirheumatika (EntzĂŒndungshemmer wie zum Beispiel AcetylsalicylsĂ€ure) ist nicht bestĂ€tigt.
  • Bei ĂŒberhöhter FlĂŒssigkeitseinlagerung im Gewebe, wie es bei Schwangerschaften oft der Fall ist, könnten Diuretika wirksam sein. Jedoch sollten Medikamenteinnahmen in der Schwangerschaft generell eher vermieden werden.

Operative Therapie

Wenn bei der Behandlung mit der konservativen Therapie nach acht Wochen keine Besserung eintritt, sich der Zustand plötzlich rapide verschlechtert bzw. der Tastsinn aufgrund der Nervenstörung stark eingeschrĂ€nkt ist, sollte das KTS operativ behoben werden. Zumeist wird die Operation ambulant und unter LokalanĂ€sthesie durchgefĂŒhrt. Bei der lokalen BetĂ€ubung muss zusĂ€tzlich der Arm anĂ€sthesiert werden, da die fĂŒr die Operation nötige Blutleere des Armes ansonsten starke Schmerzen verursachen wĂŒrde.

Bei der operativen Behandlung des KTS kommen in der Regel folgende zwei Methoden zur Anwendung:

Offene Operationstechnik: Dabei ist ein ca. 3cm langer Hautschnitt in der Hohlhand nötig. Durch diesen durchtrennt der Chirurg das Karpalband (Retinaculum flexorum), ein querverlaufendes, verdicktes Band, welches ĂŒber die Knochenrinne spannt und die Oberseite des Karpaltunnels bildet. Durch die Trennung weichen die Bandenden auseinander, der Karpaltunnel wird vergrĂ¶ĂŸert und der Nerv entlastet. ZusĂ€tzlich wird Gewebe, wie zum Beispiel stark geschwollene Sehnenscheiden, entfernt und so zusĂ€tzlich Platz geschaffen.

Falls noch keine VorschÀdigung des Nervs besteht, erholt sich dieser alleine durch die Druckentlastung und die Beschwerden des KTS verschwinden. Die Operationsnarbe ist nach sechs Monaten meist annÀhernd unsichtbar.

Dieser Eingriff stellt eine der hĂ€ufigsten Operationen fĂŒr Handchirurgen dar, dauert zumeist nur wenige Minuten und hat nur eine sehr geringe Komplikationsrate. Typische Probleme sind eine Kraftminderung der operierten Hand ĂŒber mehrere Monate, sowie Narbenbeschwerden.

Endoskopische Operationstechnik: Hierbei arbeitet der Chirurg endoskopisch, also von Innen her mit lediglich instrumenteller Sicht auf den Operationsort. Die nötigen Operationsinstrumente werden durch einen ein bis zwei Zentimeter langen Schnitt entlang der Beugefalte des Handgelenks eingefĂŒhrt. Der eigentliche Eingriff ist derselbe wie bei der offenen Operation.

Dieses Verfahren hat keine eindeutigen Vor- bzw. Nachteile gegenĂŒber der offenen Operation – einem geringeren Narbenschmerz, sowie einer höheren Patientenzufriedenheit bei unkompliziertem Verlauf steht möglicherweise eine höhere Komplikationsrate gegenĂŒber.

Nachbehandlung

Zur besseren Abheilung der Wunde wird das Handgelenk durch eine Schiene fĂŒr einige Tage konsequent ruhig gestellt. Um eine Schwellung zu vermeiden, sollte das Handgelenk möglichst erhöht gelagert werden. TĂ€gliche Finger- und SchulterĂŒbungen helfen dabei, die Beweglichkeit möglichst schnell wieder herzustellen. Nach etwa elf Tagen werden die FĂ€den an der Operationsstelle gezogen.

Je nach Operationsmethode kann die Hand nach ein bis zwei Wochen wieder fĂŒr leichte Arbeiten eingesetzt werden. Bei dem endoskopischen Eingriff verlĂ€uft die Heilung zumeist schneller als bei der offenen Operation. Normalerweise dĂŒrfen Patienten nach dem Eingriff ein bis drei Wochen nicht arbeiten und keinen Sport treiben.

Komplikationen

Allgemeine Folgen von Àrztlichen Eingriffen, wie Nachblutungen oder Infektionen, treten bei dieser Operation selten auf.

Bei der offenen Operationstechnik kann die Narbe ĂŒber lĂ€ngere Zeit berĂŒhrungsempfindlich bleiben und bei schwererer Belastung der Hand Schmerzen verursachen. WĂ€hrend der Operation können der Nervus medianus selbst, oder ein kleiner Nervenast, der zum Daumen verlĂ€uft, geschĂ€digt werden. Die Folge sind GefĂŒhlsstörungen in den Fingern und im Bereich des Daumenballens.

Bei dem endoskopischen Eingriff treten Narbenbeschwerden um einiges seltener auf, dafĂŒr besteht wĂ€hrend der Operation eine höhere Komplikationsgefahr (SchĂ€digung der Nerven). In manchen FĂ€llen muss aufgrund einer unvollstĂ€ndigen Durchtrennung des Karpalbandes erneut operiert werden. Auch besteht bei Blutungen oder unĂŒbersichtlicher Anatomie die Möglichkeit, dass der Eingriff in offener Operationstechnik fortgesetzt werden muss.

Prognose

Die durch das Karpaltunnelsyndrom verursachten Schmerzen verschwinden nach der Operation in der Regel sofort, GefĂŒhlsstörungen in den Fingern oder eine MuskelschwĂ€che im Bereich des Daumenballens bessern sich hingegen zumeist nur langsam. Ob die Beschwerden mit der Zeit ganz verschwinden, hĂ€ngt in erster Linie davon ab, wie lange und wie stark der Nerv eingeengt war und ob dieser dadurch bleibende SchĂ€den erlitten hat. Die GefĂŒhlsstörungen können sich auch Monate nach dem chirurgischen Eingriff noch bessern, daher ist eine Kontrolle des Heilungsprozesses durch einen Neurologen empfehlenswert.

Auch trotz operativ vergrĂ¶ĂŸertem Karpaltunnel kann das KTS jederzeit erneut auftreten, daher sollte darauf geachtet werden, die Handgelenke nicht einseitig zu beanspruchen und die nach der OP empfohlenen Finger- und SchulterĂŒbungen auch spĂ€ter noch fortzufĂŒhren.

Vorbeugen

Die Entwicklung eines Karpaltunnelsyndroms lĂ€sst sich nicht verhindern, jedoch kann das Risiko durch Vermeidung oder Behandlung von Risikofaktoren (wie beispielsweise einer SchilddrĂŒsenunterfunktion, Diabetes Mellitus, Alkoholmissbrauch oder monotoner Belastung des Handgelenks) gesenkt werden.

Redaktionelle GrundsÀtze

Alle fĂŒr den Inhalt herangezogenen Informationen stammen von geprĂŒften Quellen (anerkannte Institutionen, Fachleute, Studien renommierter UniversitĂ€ten). Dabei legen wir großen Wert auf die Qualifikation der Autoren und den wissenschaftlichen Hintergrund der Informationen. Somit stellen wir sicher, dass unsere Recherchen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.
Danilo Glisic

Danilo Glisic
Autor

Als Biologie- und Mathematikstudent verfasst er leidenschaftlich Magazinartikel zu aktuellen medizinischen Themen. Aufgrund seiner AffinitÀt zu Zahlen, Daten und Fakten, liegt sein Fokus dabei auf der Beschreibung von relevanten klinischen Studienergebnissen.

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