Schwindel

Schwindel
Internationale Klassifikation (ICD) R42
Symptome Schwindel, Sternesehen, Schwanken
Mögliche Ursachen psychische Veränderungen, Erkrankungen des Herz- Kreislaufsystems, fremdartige Sinnesreize, Erkrankungen des Vestibularorgans
Mögliche Risikofaktoren Zunehmendes Alter

Grundlagen

Als Schwindel wird ein weit verbreitetes neurologisches Beschwerdebild bezeichnet, das aus verschiedensten Gr√ľnden entstehen kann. Im Vordergrund des Schwindels stehen Beschwerden wie r√§umliche Koordinationsst√∂rungen und Gleichgewichtsprobleme. In vielen F√§llen kommen weitere Symptome, wie √úbelkeit und Erbrechen, vermehrtes Schwitzen, ein beschleunigter Puls und ein Schw√§chegef√ľhl hinzu. Schwindel kann in unterschiedliche Typen unterteilt werden. So kann grunds√§tzlich eine akute, kurz andauernde Schwindelattacke vom best√§ndigen Schwindel unterschieden werden. Rund 25 % der Menschheit leiden zumindest einmal zeitlebens an einer Schwindelattacke. Vor allem bei Menschen h√∂heren Alters tritt Schwindel h√§ufiger auf.

Ursachen

Im Innenohr befindet sich das so genannte Vestibularorgan (Gleichgewichtsorgan), das f√ľr den Gleichgewichtssinn, f√ľr die Orientierung des K√∂rpers im Raum, sowie f√ľr die Wahrnehmung von Linear- und Drehbeschleunigung verantwortlich ist. Das Gleichgewichtsorgan setzt sich aus kn√∂chernen und weicheren Strukturen zusammen. Grunds√§tzlich besteht das Vestibularorgan aus drei bogenf√∂rmigen G√§ngen (Bogeng√§nge), zwei Aussackungen (Sacculus, Utriculus) und aus einem Gang (Ductus endolymphaticus). All diese Strukturen stehen untereinander in Verbindung und sind mit der Innenohrfl√ľssigkeit (Endolymphe) gef√ľllt. Bei Lagever√§nderungen des Kopfes oder des ganzen K√∂rpers bewegt sich die Endolymphe wegen seiner Tr√§gheit in Relation zum Innenohr und erregt die Sinneszellen des Vestibularorgans. Diese leiten die Erregung mittels Nerven an das Gehirn weiter, wo weitere Verarbeitungsprozesse stattfinden.

Zus√§tzlich zum Vestibularorgan liefern auch die Augen und Rezeptoren in den Gelenken und Muskeln Informationen √ľber die Stellung des K√∂rpers im Raum und sind deshalb auch f√ľr die r√§umliche Orientierung verantwortlich. Liefert eines dieser Sinnesorgane falsche Sinnesreize, kann Schwindel entstehen.

M√∂gliche Ursachen f√ľr Schwindel k√∂nnen Erkrankungen des Vestibularorgans, fremdartige Sinnesreize wie bei Reisen auf hoher See, sowie durch Erkrankungen des Herz- Kreislaufsystems sein. Au√üerdem gibt es auch eine Form des Schwindels, die durch psychische Ver√§nderungen entstehen kann.


Vestibulärer Schwindel:


Darunter versteht man einen Schwindel, der durch Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans verursacht wird. Der vestibul√§re Schwindel kann in einen peripheren und zentralen Schwindel unterteilt werden. Bei Erkrankungen des Vestibularorgans oder des ableitenden Nervs bezeichnet man den Schwindel als peripher vestibul√§r. Sind jedoch Ver√§nderungen des Gehirns beziehungsweise des Kleinhirns f√ľr den Schwindel verantwortlich, handelt es sich um einen zentralen vestibul√§ren Schwindel. Meistens empfinden die Betroffenen beim vestibul√§ren Schwindel einen Drehschwindel.

Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel:

 
Diese Erkrankung ist f√ľr den Gro√üteil der Schwindelbeschwerden verantwortlich. Hierbei kommt es zur L√∂sung von kleinsten Kristallen des Vestibularorgans, die sich in weiterer Folge in einem der Bogeng√§nge ablagern und dort die Sinneszellen reizen. Bei Ver√§nderung der Kopf- oder K√∂rperhaltung werden die Kristalle bewegt und f√ľhren dadurch zu Schwindelattacken.

Neuritis vestibularis:

Hierbei handelt es sich um eine Entz√ľndung des Nervs, der die Information vom Innenohr zum Gehirn leitet. Obwohl dies der zweith√§ufigste Grund f√ľr Schwindel und damit von klinischer Relevanz ist, konnte man noch nicht kl√§ren, auf welche Weise es zur Entz√ľndung kommt. Die Betroffenen leiden unter heftigen Drehschwindel und f√ľhlen sich meist sehr krank. Die Symptomatik kann bis zu vier Wochen anhalten, verschwindet aber meistens zur G√§nze.

Vestibulopathie:

Darunter versteht man Sch√§den des Gleichgewichtsorgans. Neben dem Schwindel berichten die Betroffenen dar√ľber, dass sich die Gegenst√§nde in der Umgebung beim Gehen auf und ab bewegen (Oszillopsien), verschwommen wirken und damit nicht mehr gut erkannt werden k√∂nnen. Beim Schwindel kann es sich sowohl um einen Schwank- als auch um einen Drehschwindel handeln, der von wenigen Stunden bis √ľber mehrere Tage dauern kann. Vestibulopathien k√∂nnen sich durch die Einnahme gewisser Medikamente (zum Beispiel durch die zur Gruppe der Antibiotika geh√∂renden Aminoglykoside), aber auch durch Gehirnhautentz√ľndungen entwickeln. In manchen F√§llen kann keine Ursache f√ľr die Erkrankung gefunden werden.

Vestibularisparoxysmie:

Diese Erkrankung ist durch kurz andauernde, wiederholt auftretende Schwindelattacken gekennzeichnet. Meist handelt es sich dabei um einen f√ľr einige Minuten anhaltenden Dreh- oder Schwankschwindel. Typisch ist auch, dass der Schwindel durch gewisse Kopfhaltungen verursacht wird. Auch f√ľr diese Erkrankung konnte bisher die Entstehungsweise nicht gekl√§rt werden, man vermutet aber, dass der Schwindel durch eine falsche Verschaltung der Nervenbahnen verursacht wird.

Morbus Meniére: 

Beim Morbus Meni√©re kommt es aus nicht zur G√§nze gekl√§rten Gr√ľnden zur √ľberm√§√üigen Ansammlung von Endolymphe im Innenohr, wodurch es zu so genannten Meni√©re Anf√§llen kommt, die durch pl√∂tzliche Verminderung der H√∂rf√§higkeit, heftigen Tinnitus und Drehschwindel gekennzeichnet sind.

Basilaris-Migräne:

Hierbei handelt es sich um eine besondere Form der Migräne, bei der es immer wieder zu Migräneattacken mit Schwindel, Sehbeschwerden, Gang- und Standschwierigkeiten und starken Kopfschmerzen kommt.

Schlaganfall und TIA:

Im Rahmen einer Durchblutungsstörung des Kleinhirns können Symptome wie Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, sowie Koordinationsschwierigkeiten mit Gang- und Standunsicherheit, Sensibilitätsstörungen und Sprachschwierigkeiten kommen.

Akustikusneurinom:

Dabei handelt es sich um einen gutartigen Tumor des achten Hirnnervs, welcher die Sinnesinformationen des Geh√∂r- und des Gleichgewichtapparats zum Gehirn weiterleitet. Der Tumor entsteht aus ver√§nderten Schwann‚Äôschen Zellen, die f√ľr die Isolierung der Nerven verantwortlich sind.

Felsenbeinfraktur:

Bei Unf√§llen oder St√ľrzen kann es zu Br√ľchen des Felsenbeins, ein Knochen des Sch√§dels, welcher das Vestibularorgan umgibt und sch√ľtzt, kommen. Im Rahmen der Knochenbr√ľche kann das Innenohr verletzt werden, was zu Schwindel f√ľhren kann.

Vestibuläre Epilepsie:

Darunter versteht man eine besondere Form der Epilepsie, bei der es neben den Krampfanf√§llen auch zu Schwindel und unwillk√ľrlichen, ruckartigen Augenbewegungen kommt. Meist tritt der Schwindel vor den epileptischen Anf√§llen auf.

Kinetose- Reisekrankheit:

Ungewohnte Bewegungen bei Schiffsreisen, bei rasanten Autofahrten oder bei Flugturbulenzen kann das Gleichgewichtorgan √ľberm√§√üig gereizt werden. Da beim Lesen im Auto, auf hoher See oder im Flugzeug keine Fixpunkte in der Umgebung mit den Augen fixiert werden k√∂nnen, kann das Gehirn die Reize des Gleichgewichtorgans nicht richtig verarbeiten, was zu den Beschwerden Schwindel, sowie zu √úbelkeit und Erbrechen f√ľhrt.

Nicht vestibulärer Schwindel:

Diese Form des Schwindels wird nicht durch Erkrankungen des Gleichgewichtorgans oder der neurologischen Verarbeitung verursacht. So k√∂nnen zum Beispiel Erkrankungen des Herz- Kreislaufsystems, wie starke Ver√§nderungen des Blutdrucks (Hypertonie, Hypotonie) sowie Herzrhythmusst√∂rungen zu Schwindelattacken f√ľhren. Andere Ursachen f√ľr Schwindel k√∂nnen die Einnahme von Arzneimitteln, Drogenabusus oder St√∂rungen des Stoffwechsels sein. H√§ufige Ausl√∂ser des nicht-vestibul√§ren Schwindels sind ein niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglyk√§mie) oder eine beschleunigte Atmung (Hyperventilation).

Somatoformer Schwindel:

Dies ist eine Form des Schwindels, bei der keinerlei k√∂rperliche Erkrankungen feststellbar sind. Meist berichten die Betroffenen neben dem Schwindel √ľber eine Vielzahl an weiteren Beschwerden wie Atemnot oder st√§ndige M√ľdigkeit. In den meisten F√§llen ist eine psychische Ver√§nderung der Betroffenen die Ursache f√ľr das Beschwerdebild. So k√∂nnen Depressionen oder Angstst√∂rungen diese Symptomatik hervorrufen, ohne dass die psychische Erkrankung von den Betroffenen selbst √ľberhaupt erkannt wird. Sehr typisch ist auch, dass die Betroffenen eine Reihe an √Ąrzten aufsuchen, ohne je einen wirklichen Behandlungserfolg zu erleben.

Phobischer Schwankschwindel:

Hierbei handelt es sich um die am weitesten verbreitete somatoforme Schwindelst√∂rung. Vor allem Menschen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr leiden unter dem phobischen Schwankschwindel. Die Patienten berichten √ľber starken Schwankschwindel, Gang- und Standunsicherheit, f√ľhlen sich oft benommen und haben st√§ndige Angst zu st√ľrzen. Vor allem durch psychische Belastung und Stress werden die Schwindelanf√§lle ausgel√∂st, wobei auch schon das Betreten von Br√ľcken oder sogar Stiegensteigen urs√§chliche Situationen sein k√∂nnen.

Diagnose

Zur Abkl√§rung des Schwindels kann manchmal die Untersuchung durch verschiedene Fach√§rzte notwendig sein, da unterschiedliche Organe und damit Fachgebiete f√ľr das Beschwerdebild verantwortlich sind. Am besten wird die Untersuchung in spezialisierten Zentren oder Schwindelambulanzen durchgef√ľhrt. Bei sehr heftigen Beschwerden kann eine Aufnahme in ein Krankenhaus notwendig sein.

Eine bedeutende Rolle in der Abkl√§rung des Schwindels nimmt das Krankengespr√§ch ein. Oft l√§sst sich durch eine genaue Befragung der Beschwerden und des Krankenverlaufs eine Verdachtsdiagnose stellen. Anschlie√üend wird meist eine k√∂rperliche Untersuchung durchgef√ľhrt und ein EKG angelegt, um andere k√∂rperliche Ursachen ausschlie√üen zu k√∂nnen.

Weiters wird auf spezifische neurologische Symptome geachtet:

  • Nystagmus: Dabei handelt es sich um unwillk√ľrliche, ruckartige, rhythmische Augenbewegungen, die unter normalen Umst√§nden dazu dienen, scharf gestellte Objekte auch bei Kopfbewegungen weiterhin automatisch scharf auf der Retina abzubilden. Bei Menschen, die unter Schwindel leiden, kann oft auch in Ruhe mittels der so genannten Frenzel Brille ein Nystagmus beobachtet werden. Weiters kann ein Nystagmus durch kalorische Reizung oder durch wiederholtes Rotieren auf einem Drehstuhl ausgel√∂st werden.
  • Pr√ľfung des Gleichgewichts: Hierzu eignen sich verschiedenste Untersuchungen, um das Gleichgewichtsystem auf seine Funktionst√ľchtigkeit zu pr√ľfen.
  • Koordinationspr√ľfung: Der Patient muss zum Beispiel beim Finger-Nase-Versuch den Zeigefinger in gro√üem Bogen mit geschlossenen Augen zur Nasenspitze bewegen. Werden durch diese Untersuchung Ver√§nderungen festgestellt, k√∂nnen erg√§nzende Untersuchungsmethoden durchgef√ľhrt werden. Zum Beispiel k√∂nnen eine Pr√ľfung des Geh√∂rs (Audiometrie), bildgebende Verfahren wie CT oder MRT zur Abkl√§rung des Schwindels dienen. In manchen F√§llen kann sich auch eine Untersuchung mittels Ultraschallger√§t oder mittels EEG (Elektro-Enzephalogramm) als hilfreich erweisen.

Therapie

Schwindel kann eine zu einer lebensbedrohlichen Belastung werden, da Folgen wie Sturzgefahr oder psychische Folgen m√∂glich sind. Falls sich die Schwindelepisoden wiederholen, ist der Besuch eines Facharztes signifikant, um zu Grunde liegende Erkrankungen wie einen Schlafanfall oder unterschiedliche Tumore ausschlie√üen zu k√∂nnen. Besonders bei begleitenden starken Kopfschmerzen oder Koordinationsproblemen bzw. wenn der Schwindel √ľber einen l√§ngeren Zeitraum anh√§lt, ist ein Arztbesuch zu empfehlen.¬†

Je nach Ursache kann der Schwindel dann behandelt werden. Je nach Art des Anfalls (akut oder chronisch) und Vorhandensein von Begleitsymptomen wie Sehstörung werden unterschiedliche Therapien zur Behandlung von Schwindel (physikalische bzw. psychosomatische Maßnahmen) angeboten.

Medikamente:

Antivertiginosa werden eingesetzt, um Symptome des Schwindelanfalls zu bessern (nicht die zugrunde liegende Krankheit). Diese kommen besonders bei akuten und starken Schwindelkrankheiten zur Verwendung. Bei akuten Anfällen und bei der Bewegungskrankheit können auch möglicherweise Antihistaminika eingesetzt werden. Im anfallsfreien Zeitraum wird eventuell Betahistin (fördert die Durchblutung im Innenohr und im Gehirn) bei Meniere-Patienten (d.h. Erkrankung des Innenohrs) benutzt, um die Häufigkeit und Stärke der Anfälle positiv zu beeinflussen. Die bei Schwindelanfällen verordneten Medikamente variieren dabei je nach Art des Anfalls bzw. Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen. 

Körperliche Übungen:

Da im Allgemeinen k√∂rperliche Bewegung einen positiven Effekt bei Schwindelanf√§llen erzielen kann, k√∂nnen auch physiotherapeutische Behandlungen zum Einsatz kommen. Dabei wird das Gleichgewichtsorgan durch bestimmte Bewegungen, die Gangunsicherheiten des betroffenen hervorrufen, beansprucht, um dadurch nat√ľrliche Korrekturbewegungen zu f√∂rdern. Besonders beim Dauerdrehschwindel und gutartigen Lagerungsschwindel werden k√∂rperliche √úbungen wie Lagerungstraining oder Befreiungsman√∂ver nach Epley oder S√©mont in der Therapie eingesetzt, um die Heilungszeit zu beschleunigen. Beim Befreiungsman√∂ver werden die Lagerungsschwindel provozierenden Otokonien (d.h. ‚ÄěSteinchen‚Äú im Gleichgewichtsorgan, die Gleichgewichtssinn vermitteln) wieder zur√ľck zum Ursprungsort bewegt.

Psychotherapie:

Psychotherapeutische Methoden wie die Verhaltenstherapie k√∂nnen bei psychisch bedingtem Schwindel zum Einsatz kommen. Dabei k√∂nnen Arzneimittel als unterst√ľtzende Behandlung bei schweren F√§llen Verwendung finden.

Operation:

Nur in besonders schwerwiegenden F√§llen, wie bei Meniere-Patienten mit stark wiederholenden bzw. √ľber einen sehr langen Zeitraum auftretenden Schwindelanf√§llen mit signifikant beschr√§nkten H√∂rfunktionen k√∂nnen √Ąrzte einen operativen Eingriff erw√§gen. Dabei wird das betroffene Gleichgewichtsorgan beispielsweise durch Medikamenteninjektion (z.B. Gentamicin) funktionsunf√§hig gemacht. Heutzutage sich solche Behandlungen jedoch mehrfach die Ausnahme.¬†

Redaktionelle Grundsätze

Alle f√ľr den Inhalt herangezogenen Informationen stammen von gepr√ľften Quellen (anerkannte Institutionen, Fachleute, Studien renommierter Universit√§ten). Dabei legen wir gro√üen Wert auf die Qualifikation der Autoren und den wissenschaftlichen Hintergrund der Informationen. Somit stellen wir sicher, dass unsere Recherchen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.
Danilo Glisic

Danilo Glisic
Autor

Als Biologie- und Mathematikstudent verfasst er leidenschaftlich Magazinartikel zu aktuellen medizinischen Themen. Aufgrund seiner Affinität zu Zahlen, Daten und Fakten, liegt sein Fokus dabei auf der Beschreibung von relevanten klinischen Studienergebnissen.

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