Hilft die Känguru-Methode bei der Überlebensrate von Frühgeburten?

Eine Mutter haltet liegend ihr neugeborenes Kind auf ihrer Brust in einem Krankenhaus und lächelt dabei mit geschlossenen Augen.

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Jedes Jahr kommen in europäischem Raum mehr als 500.000 Kinder zu früh auf die Welt– dies entspricht etwa 7,1 % aller Geburten in Europa. Dabei sind Frühgeburten für rund 70 % aller Neugeborenen-Todesfälle verantwortlich. Um diese Zahlen langfristig senken zu können, untersuchten Forscher nun die Känguru-Methode, mit der die Sterblichkeitsrate der Frühgeburten gesenkt werden soll.

Eine Mutter haltet liegend ihr neugeborenes Kind auf ihrer Brust in einem Krankenhaus und lächelt dabei mit geschlossenen Augen.

shutterstock.com / Natalia Deriabina

Frühgeburt:

Ein Kind wird als Frühgeborenes bezeichnet, wenn es vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Medizinische Fortschritte haben es ermöglicht, Kinder schon ab einem Geburtsgewicht von 500 Gramm, dies entspricht rund 24 abgeschlossene Schwangerschaftswochen, am Leben zu erhalten und zu behandeln. 

Die sogenannte Känguru-Methode bzw. Känguru-Mutterpflege ist der kontinuierliche, direkte Hautkontakt des Neugeborenen mit der nackten Brust der Mutter oder des Vaters. Dabei nimmt das Kind für mehrere Stunden am Tag deren Wärme, Herzschlag, Atmung und Geruch wahr, während es mit einem warmen Tuch bedeckt liegt. Zusätzlich wird das Kind ausschließlich durch Stillen mit der Muttermilch ernährt. Diese Sinneswahrnehmung der Eltern ist eine der effizientesten Maßnahmen zur Verhinderung der Sterblichkeit von Säuglingen mit geringem Geburtsgewicht. Die Methode wurde Ende der 1970er Jahre ursprünglich in ökonomisch schwächeren Ländern gezielt eingesetzt, um die fehlende Verfügbarkeit von Inkubatoren für die Betreuung der Frühgeborenen auszugleichen. Nach einiger Zeit wurde diese Methode auch in bestimmten Industriestaaten „wiederentdeckt“ – jedoch kommt diese Methode in diesen Ländern erst nach der Stabilisierung des Kindes zum Einsatz.

Die WHO rät zur Einbringung von kürzeren, unterbrochenen Känguru-Sitzungen, sobald sich der Zustand des Frühgeborenen stabilisiert hat und eine kontinuierliche Känguru-Pflege, sobald das Kind ganz stabilisiert ist.  In der Praxis verzögert sich dadurch der Beginn der Känguru-Methode um einige Tage. 

Cochrane-Review:

Ein im Jahre 2016 publizierter Cochrane-Review (d.h. weltweites, unabhängiges Netzwerk aus Wissenschaftlern und Forschern der Gesundheitsberufe) konkludierte, dass sich die Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht um 40 % verringerte, falls die Frühgeborenen nach der Stabilisierung mit der Känguru-Methode der Mutter versorgt wurden. Dabei wurden 1736 Säuglinge in 8 Studien mit der herkömmlichen Krankenhauspflege verglichen.

In dem Review verzeichneten auch die Neugeborenen, welche mit der Känguru-Mutterpflege versorgt wurden, weniger Infektionszahlen, mehr exklusives Stillen und eine vorteilhafte Gewichtszunahme.  Das mittlere Alter der Neugeborenen lag zwischen 10 Stunden und 24,5 Tagen, wobei sich etwa 45 % der Neugeborenen-Todesfälle innerhalb der ersten 24 Stunden und 80 % innerhalb der ersten Lebenswoche ereigneten. Dadurch lag die Mehrzahl der Mortalitätsfälle vor dem eigentlichen Beginn der Känguru-Methode. 

In den letzten Jahren hat die WHO in Ghana, Indien, Malawi, Nigeria und Tansania untersucht, ob die Känguru-Mutterpflege bei Frühgeburten auch ohne vorherige Stabilisierung die Mortalität verringern kann. Alle Kliniken in diesen Ländern hatten Zugriff auf Inkubatoren für Frühgeborene. Die WHO-Abteilung für die Region in Süd-Ost-Asien möchte im Zuge der Nachhaltigen Entwicklungspläne (d.h. Sustainable Development Goals) die Mortalitätsrate für Neugeborene bis zum Jahr 2030 auf 12 von 1000 Lebendgeburten senken.

Studienmethode:

Alle Lebendgeborenen Kinder dieser randomisierten, multizentrischen, nicht verblindeten, kontrollierten Studie besaßen ein Geburtsgewicht zwischen 1 und weniger als 1,8 kg unabhängig vom Alter der Mutter, Entbindungsmethode oder Zwillingsstatus. 

Ausschlusskriterien waren:

  • Alter der Mutter unter 15 Jahren
  • Keine Zustimmung für die Studie
  • Drillinge oder mehr
  • Krankheit der Mutter mit keiner Möglichkeit, eine Känguru-Mutterpflege innerhalb der ersten drei Tage zu vollziehen
  • Nicht innerhalb der ersten 2 Stunden nach Entbindung für die Studie eingeschrieben
  • Wohnort der Mutter außerhalb des Studiengebietes
  • Neugeborene, die innerhalb der ersten Stunde noch nicht spontan atmen konnten oder schwerwiegende angeborene Fehlbildung zeigten

Insgesamt wurden 3211 Kleinkinder von 2944 Müttern in dem Zeitraum von November 2017 bis Januar 2020 für die Studie eingeschrieben und per Zufallsprinzip eingeteilt. Dabei kamen 1609 Kinder von 1470 Müttern in die Interventionsgruppe und 1602 Kinder von 1474 Müttern in die Kontrollgruppe. Die durchschnittliche Länge des Hautkontaktes zwischen Mutter und Kind in den 6,4 Tagen Neugeborenen-Intensivstationen betrug 16,9 Stunden in der Interventionsgruppe und 1,5 Stunden in der Kontrollgruppe.  

Studienresultate:

In den ersten 28 Tagen betrug die Neugeborenen-Mortalität der Interventionsgruppe 191 (12,0 %) und in der Kontrollgruppe 249 (15,7 %). Das dabei ermittelte relative Sterberisiko von 0,75 war laut Forschern signifikant. Demzufolge hat die sofortige Känguru-Mutterpflege das Sterberisiko um 25 % gesenkt. Auch die Todeszahlen innerhalb der ersten 3 Tage nach der Geburt des Kindes ging von 5,8 % auf 4,6 % zurück. Die Forscher geben demnach an, dass 1 von 27 frühgeborenen Kindern durch diese Känguru-Methode gerettet werden konnte.  

Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Risikosenkung in den Ländern mit einer möglichen Ausprägung des Mikrobioms durch den Hautkontakt in Verbindung stehen könnte. Auch das Ausbleiben von intensivmedizinischen Therapien könnte dort das Infektionsrisiko verringern. Weitere mögliche Faktoren wären laut Studie: Durch Muttermilch induzierter früher Schutz und Vermeidung einer Untertemperatur.

Fazit:

Bei Kleinkindern mit einem Gewicht bei der Geburt zwischen 1 und 1,8 kg konnte eine Känguru-Mutterpflege ohne vorzeitige Stabilisation laut Studie zu einer signifikanten Risikoverringerung der Neugeborenen-Mortalitätsrate führen. Diese Studie ist besonders in den ökonomisch schwächeren Ländern signifikant, da dort mehrfach eine fehlende Verfügbarkeit von Inkubatoren für die Betreuung der Frühgeborenen verzeichnet wird. Forscher dieser Studie geben auch an, dass durch die unmittelbaren Känguru-Methode nach der Geburt eines von 27 Neugeborenen das Leben gerettet werden konnte.

Quellenangaben

Autor

Danilo Glisic

Letztes Update

01.11.2021

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