Misoprostol in der Frauenheilkunde und Geburtsmedizin

Einerseits für medikamentösen Schwangerschaftsabbruch und andererseits zur Geburtseinleitung ohne Zulassung eingesetzt, ist Misoprostol in der „Off-Label“ Anwendung in unseren Breitengraden noch umstritten. Laut der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist es jedoch das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung und auch nicht ohne Grund in der WHO-Liste der unverzichtbaren Medikamente eingetragen.
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Wie Misoprostol wirkt:

Das in den 1980-er auf den deutschen Markt gebrachte Präparat wird oral für die Vorbeugung und Behandlung von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren verwendet. Misoprostol ist dabei ein synthetisch hergestelltes Derivat eines Gewebshormons Prostagladin E1. Im Zuge der Behandlung dockt es an bestimmte Drüsenzellen (d.h. Parietalzellen) unserer Magenschleimhaut an und hemmt das Ausschütten der Magensäure. Dabei können säurebedingte Magengeschwüre verhindert werden. 

Diese Wirkung kann auch für die Geburtsmedizin verwendet werden, denn auch die glatte Muskulatur der Gebärmutterwand ist im Besitz von Binderezeptoren für Misoprostol. Falls das Prostagladin-Analogon an dieser Stelle andockt, kann es Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur (d.h. Wehen) auslösen. Der Gebärmutterhals wird weicher und kürzer und schafft dadurch bessere Möglichkeiten für das Kind, um durchzuwandern. 

Wann Misoprostol eingesetzt wird:

Für Erwachsene mit Arthrose oder rheumatoider Arthritis ist ein Kombinationspräparat aus den Wirkstoffen Diclofenac und Misoprostol in Tablettenform zugelassen. Während Diclofenac die Entzündung lindert, kann es jedoch auch Magendarm-Geschwüre hervorrufen. Dabei kann Misoprostol diese Nebenwirkung des Entzündungshemmers verhindern. Durch die bestimmte Wirkung auf die Gebärmutter wird der Wirkstoff gegebenenfalls auch für folgende Behandlungen verwendet:

Verhaltene Fehlgeburt:

In Form von hochdosierten Tabletten kann Misoprostol zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch innerhalb der gesetzlich geregelten Abtreibungsfrist verwendet werden. Die Anwendung erfolgt in Kombination mit dem Wirkstoff Mifepriston, um Komplikationen vorzubeugen.

Dazu hat eine im August 2020, in der Fachzeitschriften The Lancet, publizierte Studie, die Wirkung der Kombinationstherapie mit Misoprostol allein verglichen. Dabei wurden in 28 britischen Krankenhäusern 711 Frauen über 16 Jahre im Zeitraum zwischen Oktober 2017 und Juli 2019 untersucht. Bei allen Studienteilnehmerinnen wurde durch Ultraschalluntersuchungen innerhalb der ersten 14 Wochen der Schwangerschaft eine Fehlgeburt diagnostiziert und eine medizinische Behandlung mit Einverständniserklärung abgegeben. Während die Studiengruppe Mifepriston und zwei Tage später Misoprostol erhalten habe, wurde in der Kontrollgruppe zuerst ein Placebo und anschließend Misoprostol verabreicht. Die doppelblinde, multizentrische, placebokontrollierte und randomisierte Studie ergab, dass für 17% der Frauen mit Kombinationspräparat eine chirurgische Intervention nötig war. Für die Kontrollgruppe mit Misoprostol waren es 25% der Frauen, was die Behandlung mit beiden Wirkstoffen laut Studie effektiver macht als die einzelne Vergabe. 

Misoprostol als Wehenmittel:

Ebenfalls als Tablette, wird der Wirkstoff in Kliniken in Deutschland öfter als Wehenmittel verabreicht. Der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) nach, ist Misoprostol für die Geburtseinleitung effektiv. In diesem Zusammenhand wird es als sogenanntes „Off-Label“ Präparat verwendet, da es seit 2010 laut Leitlinien der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften nicht zugelassen ist (Bemerkung: diese Leitlinien sind abgelaufen und werden seit 2013 überprüft). In diesem Fall hat der Arzt eine Therapiefreiheit und darf nach bestem Wissen und Gewissen frei urteilen, welche Behandlung vorzuschlagen ist, ohne dass der Wirkstoff im Land eine offizielle Zulassung hat. Der Patient soll jedoch genauestens über Risiken und alternativen Behandlungen informiert werden.

Unterschiedliche Dosierungen: 

Laut einer 2013 durchgeführten Auswertung der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie in Aachen, haben 65% der teilnehmenden Kliniken angegeben, dass sie Misoprostol zur Geburtseinleitung verwenden. Lediglich 35% der Kliniken halten sich primär an die von der WHO und DGGG empfohlenen Einzeldosis von 25µg. Es wurden alle 738 Kliniken mit Geburtshilfe in Deutschland angeschrieben, wobei 62% davon geantwortet haben. 

Orale Gabe vorteilhaft:

Im Vergleich mit Prostagladin E2 ist bei Misoprostol vorteilhaft, dass es bei asthmagefährdeten schwangeren Frauen angewendet werden kann. Zusätzlich kann das Arzneimittel auch oral verabreicht werden. Dies bringt Vorteile mit sich, da bei lokaler (d.h. vaginaler) Verwendung ein Infektionsrisiko besteht. 

Der 2014 publizierte Cochrane-Review verglich 76 randomisierte, kontrollierte Studien an 14.412 Frauen und stellte fest, dass oral verabreichtes Misoprostol genauso wirksam wie andere aktuelle Methoden der Geburtseinleitung ist. 9 untersuchte Studien mit 1282 Frauen verglichen Misoprostol in der genannten Verabreichung mit intravenös verabreichtem Oxytocin (d.h. einem Hormon) und zeigten, dass bei der oralen Vergabe signifikant weniger Kaiserschnitte verzeichnet wurden. Weitere neun Studien mit 1109 Teilnehmerinnen zeigten, dass der Wirkstoff die Wehen effizienter einleitet als ein Placebo und zeitgleich weniger Kaiserschnitte und Einweisungen in die Intensivstation für Neugeborene aufweist. 

Fazit:

Der Wirkstoff Misoprostol ist für die Geburtshilfe und Gynäkologie ein noch immer relevantes Thema. Rund 20% der Schwangeren benötigen eine Geburtseinleitung, was bei einer jährlichen Anzahl von ungefähr 780.000 Geburten die Geburtshelfer und Ärzte rund 78.000 Mal vor der Entscheidung bringt, welche Methode bzw. welcher Wirkstoff und Dosierung verabreicht werden soll. Deshalb soll sich die Patientin vor allem bei „Off-Label“ Präparaten genauestens informieren lassen, um die Geburt komplikationsfrei wie möglich zu gestalten. 


Wirkstoffe:

Quellen

Danilo Glisic

Danilo Glisic

Autor


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Zuletzt aktualisiert am 11.01.2021

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