Pyridostigmin

ATC CodeN07AA02
CAS-Nummer155-97-5
PUB-Nummer4991
Drugbank IDDB00545
SummenformelC9H13N2O2
Molare Masse (g·mol−1)181,21 g·mol−1
Aggregatzustandfest

Grundlagen

Pyridostigmin stammt aus der Gruppe der indirekten Parasympathomimetika, die über Hemmung der Acetylcholinesterase die Wirkung des körpereigenen Acetylcholins steigern. Acetylcholin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der im Nervensystem eine wichtige und große Rolle spielt bspw. bei der Vermittlung von Muskelkontraktionen. Pyridostigmin wird zur Therapie der Myasthenia gravis eingesetzt und hat zusätzlich einen Einfluss auf Blutdruck, Herzfrequenz und Verdauung. 

Anwendung & Indikationen 

Pyridostigmin wird aufgrund seiner Wirkung in erster Linie zur Therapie der Myasthenia gravis eingesetzt, einer Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper gegen den Acetylcholin-Rezeptor (AchR) gerichtet sind. Diese Funktionsstörung führt folglich zu Muskelschwäche und extremer Müdigkeit. Pyridostigmin blockiert die Hydrolyse und den Abbau von Acetylcholin durch Hemmung des Enzyms Acetylcholinesterase. Folglich liegt mehr Acetylcholin im synaptischen Spalt vor und wirkt der krankhaften Muskelschwäche entgegen. Weiters wird Pyridostigmin bei Blasen-/ Darmlähmungen eingesetzt, da er die Tätigkeit der Muskulatur stimuliert. 

Der Wirkstoff ist in Form überzogener Tabletten zur oralen Einnahme (Mestinon®) in verschiedenen Wirkstärken im Handel erhältlich. Weitere Arzneiformen sind Retardtabletten, Dragees und Injektionslösungen. Die Dosierung wird individuell angepasst und unterscheidet sich je nach Schweregrad der Erkrankung. 

Therapeutisch wird das Brom-Salz des Pyridostigmin (Pyridostigmin-Bromid) eingesetzt. 

Geschichte

Im zweiten Golfkrieg, der 1990/91 zwischen dem Irak und den USA stattgefunden hat, wurde Pyridostigmin prophylaktisch an Angehörige der Streitkräfte abgegeben, um diese vor möglichen Angriffen mit Nervengift zu schützen. Später wurde er mit dem Golfkrieg-Syndrom in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang wurde nie belegt.

Pharmakologie

Pharmakodynamik/Wirkmechanismus 

Pyridostigmin ähnelt in seiner Wirkung dem Neostigmin, unterscheidet sich allerdings durch seinen schnelleren Wirkungseintritt und einer längere Wirkdauer davon. In Deutschland wird häufiger Pyridostigmin als Cholinesterase-Hemmstoff verordnet, da der Wirkstoff im Gegensatz zu Neostigmin oral verabreichbar ist. Sie zählen beide als quartäre Stickstoffverbindungen zu den reversiblen Hemmstoffen. 

Neostigmin und Pyridostigmin wirken primär im Zentralnervensystem, indem sie als indirekte Parasympathomimetika die Cholinesterase im synaptischen Spalt blockieren. Dieses Enzym baut den Neurotransmitter Acetylcholin zu Acetat und Cholin ab. Durch den verminderten Abbau wird die Anzahl des Acetylcholins erhöht und die Reizweiterleitung über die Synapsen verstärkt. Die Blockade des Enzyms erfolgt reversibel. 

Pharmakokinetik

Aufgrund der quartären Ammoniumstruktur des Pyridostigmin kommt es zu keiner Wirkung im Zentralnervensystem. Die gastrointestinale Resorption ist niedrig und hängt von einigen Begleitfaktoren, wie zum Beispiel dem Füllungszustand des Magens, ab. So tritt bei Einnahme des Arzneimittels auf nüchternem Magen die Wirkung nach 30-60 Minuten ein und verzögert sich bei gleichzeitiger Nahrungsaufnahme um bis zu 90 Minuten. 

Die Bioverfügbarkeit bei oraler Gabe ist eher gering und schwankt zwischen 11% und 19%. Bei Einnahme des Arzneimittels auf nüchternem Magen erhöht sich neben der Resorption auch die Bioverfügbarkeit. 

Pyridostigmin wird bei oraler Einnahme hauptsächlich über die Niere ausgeschieden. 

Wechselwirkungen 

  • Der Hilfsstoff Methylcellulose verhindert bei gleichzeitiger Verabreichung die Absorption des Wirkstoffes. Daher sollen Präparate, die diesen Hilfsstoff enthalten, vermieden werden.
  • Anticholinergika wie Atropin und Scopolamin hemmen die Wirkung des Pyridostigmin-Bromid. Zusätzlich wird durch diese Substanzen die Darmmotilität (Darmbewegung) beeinträchtigt und die Aufnahme des Wirkstoffes vermindert.
  • Es kommt zu einer verlängerten Wirkdauer von Muskelrelaxantien (bspw. Suxamethonium) bei gleichzeitiger Einnahme mit Pyridostigmin-Bromid.
  • Antibiotika des Aminoglykosid-Typs (z.B. Neomycin, Kanamycin), Lokalanästhetika und Arzneimittel gegen Herzrhythmusstörungen können die Wirkung des Pyridostigmin-Bromids beeinflussen.
  • Insektenschutzmittel, die den Wirkstoff DEET enthalten (z.B. Anti Brumm forte oder Nobite Hautspray) sollten bei Einnahme von Pyridostigmin nicht auf die Haut aufgetragen werden, da sie die Wirkung des Arzneimittels verstärken können.

Toxizität

Kontraindikationen & Vorsichtsmaßnahmen 

Das Arzneimittel darf nicht eingenommen werden bei: 

  • einer Überempfindlichkeit (Allergie) gegenüber dem Wirkstoff oder einem sonstigen Bestandteil der Formulierung.
  • bei einem mechanischen Verschluss der Verdauungs- oder Harnwege.

Bei Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD ist das Arzneimittel nur mit Vorsicht und vorheriger Absprache mit dem Arzt anzuwenden, da es zur Verengung der Bronchien und Einschränkung der Lungenfunktion kommen kann! 

Ebenso gilt ein erhöhtes Risiko bei Einnahme des Arzneimittels bei Herzerkrankungen. 

Eine genaue Dosierung des Arzneimittels ist erforderlich, um eine Überdosierung zu vermeiden. Bei einer Überdosierung kann es zu einem Überschuss an Acetylcholin kommen, was zu einer cholinergen Krise führen kann. Dieser Zustand kann lebensbedrohlich sein und zu Symptomen wie Atemdepression führen. Im Fall einer Überdosierung wird Atropin als Antidot (Gegenmittel) eingesetzt.

Nebenwirkungen 

Das Auftreten der Nebenwirkungen ist dosisabhängig. Sie können sich wie folgt äußern: 

  • Augen: Verengung der Pupillen, verstärkte Tränensekretion, Anpassungsstörungen des Auges (z.B. verschwommenes Sehen)
  • Herz-/ Kreislaufsystem: beschleunigter Puls, verlangsamter Herzschlag, Herzrhythmusstörungen (z.B. Herzrasen)
  • Gefäßerkrankungen: Hitzegefühl, niedriger Blutdruck
  • Atemwege: Verengung der Atemwege, vermehrte Bronchialsekretion
  • Verdauungstrakt: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchbeschwerden 
  • Haut: übermäßiges Schwitzen, Urtikaria (Nesselsucht)
  • Muskulatur: verstärkte Muskelschwäche, Muskelzittern, Muskelkrämpfe, unwillkürliches Muskelzucken

Schwangerschaft und Stillzeit 

Wenn Sie schwanger sind oder stillen, wird empfohlen, vor der Einnahme eines Arzneimittels mit dem Wirkstoff Pyridostigmin-Bromid Rücksprache mit einem Arzt oder Apotheker zu halten. Der Wirkstoff kann die Plazentaschranke durchdringen und in geringen Mengen in die Muttermilch übergehen.

Bei intravenöser Gabe des Wirkstoffs können bei fortgeschrittener Schwangerschaft vorzeitige Wehen ausgelöst werden.

Susann Osmen

Susann Osmen

Autor

Mag. pharm. Stefanie Lehenauer

Mag. pharm. Stefanie Lehenauer

Lektor


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