Scopolamin

ATC CodeA04AD01, N05CM05, S01FA02
CAS-Nummer114-49-8
PUB-Nummer3000322
Drugbank IDDB00747
SummenformelC17H21NO4
Molare Masse (g·mol−1)303.35
Aggregatzustandfest
Schmelzpunkt (°C)59
PKS Wert7.75

Grundlagen

Scopolamin ist ein Arzneistoff, der zur Behandlung der Reisekrankheit und in der Augenheilkunde als Diagnostikum eingesetzt wird. Chemisch gesehen ist Scopolamin ein sogenanntes Tropanalkaloid, das natürlich in einigen Pflanzen der Familie der Nachtschattengewächse (lat. Solanaceae) zu finden ist. Dazu zählen hauptsächlich die Tollkirsche (Atropa belladonna), das Bilsenkraut (Hyoscamus niger), der Stechapfel (Datura stramonium) und die Gattung der Engelstrompeten (Burgmansia). In der Pharmakologie wird der Stoff zu den Anticholinergika gezählt.

Scopolamin ist nur gegen ärztliche Verschreibung erhältlich.

Indikationen und Anwendungen

Scopolamin wird therapeutisch in der Regel zur Behandlung der postoperativen Übelkeit und der Reisekrankheit eingesetzt. Bei ersterem erfolgt die Gabe in Form eines transdermalen Pflasters. Weiters findet es oft Anwendung in der Augenheilkunde. Dabei wird es eingesetzt, um die Pupillen zu erweitern, um die Brechkraft des Auges zu untersuchen.

Zudem kann Scopolamin in der Palliativmedizin zur Linderung des sogenannten Todesrasseln (engl. Death rattle), welches oftmals in den letzten Lebensstunden von Schwerkranken auftritt, eingesetzt werden. Dabei erfolgt die Gabe entweder subkutan oder als transdermales Pflaster. Obwohl Scopolamin für diese Anwendung in den meisten Ländern noch nicht zugelassen ist, wird weiterhin intensiv daran geforscht. Es gibt bereits einige Studien, die auf eine Wirksamkeit in diesem Bereich hinweisen, was möglicherweise zu einer zukünftigen Zulassung führen könnte.

Geschichte

In der Antike und im Mittelalter wurden Tränke und Zubereitungen aus Pflanzen verwendet, die heute bekannterweise Scopolamin enthalten. Trotzdem fand eine breite Anwendung von schmerzlindernden Arzneimitteln wahrscheinlich nicht statt, vermutlich aufgrund der Nebenwirkungen und der unvorhersehbaren Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Das Wort "Scopolamin" leitet sich von "Scopolia carniolica" ab, einer Nachtschattenpflanze, die Carl von Linné zu Ehren ihres vermuteten Entdeckers J. A. Scopoli so benannt hat. Obwohl Scopolamin erstmals 1959 vollständig synthetisiert wurde, ist die Synthese bis heute weniger effizient als die Extraktion von Scopolamin aus Pflanzen.

Pharmakologie

Pharmakologie und Wirkmechanismus

Acetylcholin (ACh) ist ein Neurotransmitter, der Signale über G-Protein-gekoppelte muskarinische Rezeptoren (mAChRs) weiterleitet. Diese Rezeptoren, welche im zentralen Nervensystem (ZNS) und in der Peripherie vorhanden sind, regulieren verschiedene physiologische Prozesse wie die Kontraktion der glatten Muskulatur, Drüsensekretion, Herzfrequenz sowie neurologische Vorgänge wie beispielsweise Lernprozesse und das Gedächtnis. Muskarinische Rezeptoren können in fünf Subtypen (M1-M5) unterteilt werden und kommen auf verschiedenen Ebenen im gesamten Gehirn vor. Zusätzlich befinden sich M2-Rezeptoren im Herzen und M3-Rezeptoren in der glatten Muskulatur. Dieses Rezeptorsystem ist, zum Teil, auch am Entstehen von Übelkeit und dem Brechreiz beteiligt.

Scopolamin wirkt als nicht-selektiver kompetitiver Inhibitor von M1-M5 mAChRs, wobei die Hemmung von M5 wesentlich schwächer ausgeprägt ist. Als Anticholinergikum hat Scopolamin eine sehr geringe therapeutische Breite und daher stark dosisabhängige therapeutische und unerwünschte Wirkungen. Ein Vorteil von Scopolamin gegenüber den anderen Vertretern der Anticholinergika (z.B. Atropin) ist seine gute Penetration der Blut-Hirn-Schranke. Daher eignet es sich gut zur Behandlung der Übelkeit und Reisekrankheit. Durch Gabe in die Augen kommt es zu einer Hemmung der Muskarin-Rezeptoren in den Ziliärmuskeln und damit zu einer Weitung der Pupillen (Mydriasis). Aufgrund seiner äußerst langen Halbwertszeit ist Scopolamin für den Einsatz in der Augenheilkunde jedoch nur noch zweite Wahl.

Pharmakokinetik

Die Pharmakokinetik von Scopolamin ist stark abhängig von der Applikationsroute. Die orale Verabreichung von 0,5 mg Scopolamin an gesunde Probanden führt zu einer absoluten Bioverfügbarkeit von lediglich 13%. Aufgrund der dosisabhängigen unerwünschten Wirkungen der oralen Verabreichung wurde eine Formulierung mit einem transdermalen Pflaster entwickelt, um therapeutische Plasmakonzentrationen über einen längeren Zeitraum zu erreichen und Nebenwirkungen zu minimieren. Nach der Anwendung des Pflasters ist Scopolamin innerhalb von vier Stunden im Blut nachweisbar und erreicht innerhalb von 24 Stunden die Spitzenkonzentration. Dabei liegt die durchschnittliche Wirkstofffreigabe bei etwa bei 1,0 mg/ 72h.

Das Verteilungsvolumen von Scopolamin ist nicht genau bekannt. Bei Ratten zeigt Scopolamin eine relativ geringe Plasmaproteinbindung von 30 ± 10 %. Die genauen Werte beim Menschen sind nicht bekannt. Über den Metabolismus von Scopolamin beim Menschen ist wenig bekannt. In Tierstudien wurden zahlreiche Metaboliten nachgewiesen. Im Allgemeinen wird Scopolamin hauptsächlich in der Leber metabolisiert, und die primären Metaboliten sind verschiedene Glucuronid- und Sulfidkonjugate. Nach oraler Verabreichung werden etwa 2,6 % des unveränderten Scopolamins mit dem Urin ausgeschieden. Nach der transdermalen Applikation liegt dieser Wert ungefähr bei 10%. Die Halbwertszeit von Scopolamin ist je nach Verabreichungsform unterschiedlich. Bei intravenöser, oraler und intramuskulärer Verabreichung liegt die Halbwertszeit bei etwa 70 Minuten. Bei subkutaner Verabreichung beträgt die Halbwertszeit rund 213 Minuten. Nach Entfernung des transdermalen Pflastersystems nimmt die Scopolamin-Plasmakonzentration logarithmisch-linear mit einer Halbwertszeit von etwa 9,5 Stunden ab.

Wechselwirkungen

Die gleichzeitige Anwendung von Scopolamin und H2-Rezeptorenblockern kann zu einer verstärkten Hemmung der Magensäuresekretion führen.

Wenn gleichzeitig Belladonnapräparate, Antihistaminika, trizyklische Antidepressiva (wie Amitriptylin und Imipramin), Amantadin oder Chinidin eingenommen werden, besteht die Möglichkeit einer verstärkten anticholinergen Wirkung. In diesem Fall sollte die Dosierung dieser Medikamente entsprechend angepasst werden

Es wird nicht empfohlen, Scopolamin zusammen mit anderen Mitteln gegen Reisekrankheit anzuwenden

Der Konsum von Alkohol sollte während der Anwendung von Scopolamin vermieden werden.

Toxizität

Kontraindikationen

Scopolamin darf nicht eingenommen/angewandt werden, wenn:

  • Eine Allergie gegen den Stoff besteht
  • Ein Glaukom (grüner Star) vorliegt

Nebenwirkungen

Sehr häufige und häufige Nebenwirkungen:

  • Mundtrockenheit
  • Schwindel
  • Verschwommenes Sehen
  • Reizung der Augenlieder
  • Hautreizung

Seltene und sehr seltene Nebenwirkungen

  • Schwierigkeiten beim Wasserlassen
  • Konzentrationsschwäche und Gedächtnisstörungen
  • Hautausschlag

Schwangerschaft und Stillzeit

In der Schwangerschaft kann Scopolamin bei strenger Indikationsstellung in der gesamten Schwangerschaft angewendet werden.

Bei einmaliger Anwendung von Scopolamin scheint Stillen bei sorgfältiger Beobachtung des Kindes auf anticholinerge Symptome akzeptabel zu sein.

Quellen

  • Lüllmann, Mohr, K., Wehling, M., & Hein, L. (2016). Pharmakologie und Toxikologie (18. Auflage.). Georg Thieme Verlag. https://doi.org/10.1055/b-004-129674
  • van Esch HJ, van Zuylen L, Geijteman ECT, Oomen-de Hoop E, Huisman BAA, Noordzij-Nooteboom HS, Boogaard R, van der Heide A, van der Rijt CCD. Effect of Prophylactic Subcutaneous Scopolamine Butylbromide on Death Rattle in Patients at the End of Life: The SILENCE Randomized Clinical Trial. JAMA. 2021 Oct 5;326(13):1268-1276. doi: 10.1001/jama.2021.14785. PMID: 34609452; PMCID: PMC8493437.
  • Soban D, Ruprecht J, Keys TE, Schneck HJ. Zur Geschichte des Scopolamin--Unter besonderer Berücksichtigung seiner Anwendung in der Anästhesie [The history of scopolamine--with special reference to its use in anesthesia]. Anaesthesiol Reanim. 1989;14(1):43-54. German. PMID: 2647095.
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 10. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier
  • Embyrotox.de
  • Drugbank.com
  • PubChem.gov
Markus Falkenstätter, BSc

Markus Falkenstätter, BSc

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