Erhöht Paracetamol das Autismus-Risiko bei Kindern?

Seit vielen Jahren wird in der Medizin und Pharmazie über den Gebrauch von Paracetamol in der Schwangerschaft, bei Babys und Kindern diskutiert, da es Autismus-Spektrums-Störungen (ASS) bei Kindern fördern kann. Selbst Experten auf dem Gebiet sind sich uneinig. Eine neue Studie, welche im “Children” Journal erschienen ist, kurbelt die Diskussion erneut an. Paracetamol zählt seit Jahren zum Mittel der Wahl in der Schwangerschaft und bei Kleinkindern. Gerade schwangere Frauen leiden oft an Rücken- oder Kopfschmerzen und können nur auf ein paar wenige alternative Schmerzmittel zurückgreifen. Auch bei Babys und Kleinkindern, speziell bei Fieber, Fieberkrämpfen und nach Impfungen, wird sehr oft auf das beliebte Analgetikum zurückgegriffen. Welche Alternativen gibt es? Und welche Risiken bringt das Medikament mit sich?

Paracetamol - ein kurzer Steckbrief

Paracetamol oder Acetaminophen ist ein Wirkstoff zur Behandlung von leichten bis mittelstarken Schmerzen und Fieber. Er gehört zur Gruppe der Analgetika und wurde bereits in den 1950er Jahren zugelassen. Paracetamol wurde schon im 19. Jahrhundert entwickelt und war einer der ersten synthetischen Wirkstoffe gegen Fieber. Jedoch ist bis heute der genaue Wirkmechanismus nicht vollständig geklärt.

Grafik Strukturformel des Wirkstoffs Paracetamol

Paracetamol in der Schwangerschaft

Auch Paracetamol ist, wie viele andere Medikamente, plazentagängig, das heißt, dass es über den mütterlichen Blutkreislauf in die Plazenta wandern kann und von dort aus in den kindlichen Kreislauf. In einer Studie aus dem September 2021, welche im Nature Journal veröffentlicht wurde, berichten die Autoren über ein erhöhtes Risiko für Störungen in der neuronalen Entwicklung bei Kindern nach Paracetamol-Einnahme in der Schwangerschaft. Zu den Störungen zählen unter anderem ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung) und ASS (Autismus-Spektrums-Störung). Ebenso fallen Sprachentwicklungsstörungen und ein verminderter Intelligenzquotient hinein. Die Autoren verweisen jedoch darauf, dass die negativen Effekte sehr gering, wegen der häufigen und weit verbreiteten Anwendung die Zahlen trotzdem sehr groß sind. Die Anwendung einzustellen, liege nicht im Interesse der Studienautoren, aber schwangere Frauen müssten besser über die potentiellen Risiken aufgeklärt werden. Es ist daher ratsam, Paracetamol nur in der möglichst geringsten Dosierung und für die kürzeste Dauer einzunehmen, betonen sie. 

Eine andere Studie aus dem September 2022, die im Plos One Journal veröffentlicht wurde, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Autoren dieser Studie bezogen aber auch das Stresslevel der Mütter während der Schwangerschaft mit ein. Der Stressfaktor wurde laut Meinungen der Autoren in früheren Studien wenig bis gar nicht berücksichtigt. Trotz der Berücksichtigung kamen sie auf das Ergebnis, dass Paracetamol bei Einnahme in der Schwangerschaft zu Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern führen kann. Auch in dieser Studie waren die negativen Auswirkungen sehr selten, sind aber wegen der häufigen und weit verbreiteten Anwendung nicht unerheblich.

Traurige Schwangere Traurige Schwangere (PRImageFactory/iStock)

Großen Gegenwind bekamen die Autoren allerdings von sehr bekannten Institutionen wie dem Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité “Embryotox” und dem European Network of Teratology Information Services “ENTIS”. Sie kritisieren einige Schwächen der Studien. Dazu zählen unter anderem das unvollständige Einbeziehen genetischer Faktoren und des sozialen Umfelds, die grenzwertige statistische Signifikanz in vielen Untersuchungen und die uneinheitlich angewandten diagnostischen Mittel für die Beobachtungen. Sie sind der Meinung, dass kein kausaler Zusammenhang bestehe und mögliche familiäre Faktoren ausschlaggebend für die Ergebnisse seien.

In einem von Oktober 2021 veröffentlichten Statement positioniert sich das European Network of Teratology Information Services “ENTIS” klar gegen die im Nature Journal veröffentlichte Studie und betont, dass Paracetamol weiterhin das Mittel der ersten Wahl in der Schwangerschaft sei. Beide verwiesen aber ebenfalls auf die korrekte Indikation, die niedrigste Dosierung und die kürzeste Einnahmedauer für den Einsatz des Schmerzmittels.

Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft (Cunaplus_M.Faba/iStock)

Paracetamol bei Babys und Kleinkindern - Neue Erkenntnisse

Bisher wurden nur Studien zur Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft beleuchtet. In einer ganz aktuellen Studie, die im Dezember 2023 im Children Journal veröffentlicht wurde, wird nun auf ein erhöhtes Risiko einer Autismus-Spektrums-Störung (ASS) nach Einnahme von Paracetamol bei Kindern hingewiesen. In der Pädiatrie gehört Paracetamol, ebenso wie in der Schwangerschaft zum Mittel der Wahl. Es wird bereits nach der Geburt, meist in Form von Zäpfchen, verabreicht. Speziell bei Fieber oder nach Impfungen wird Paracetamol oft zu leichtfertig angewendet, so die Studienautoren. Besonders scharf kritisieren sie, dass das Schmerzmittel zwar die Gehirnfunktionen beeinflusst, aber nie bestätigt wurde, dass die Anwendung bei Babys und Kindern unbedenklich für die neuronale Entwicklung sei.

Nachweisen konnten dies die Autoren durch Tierversuche, welche eine Beeinflussung der Gehirnentwicklung nach Einnahme von Paracetamol aufzeigten. In früheren Studien zur Sicherheit des Wirkstoffs bei Babys und Kindern wird angenommen, dass toxische Effekte bei Erwachsenen und Kindern gleich sein würden. Das ist aber nicht so, halten die Studienverfasser fest. Aufgrund dieser Tatsachen, hätten eigene umfangreiche Tests zur Sicherheit in der pädiatrischen Anwendung durchgeführt werden müssen, so die Autoren. Bestätigen wollen sie ihre Entdeckungen mit einem Vergleich der Verkäufe und der ASS-Prävalenz von Dänemark und Finnland. So zeigt sich, dass Dänemark verglichen mit Finnland einen wesentlich höheren Verkauf an Paracetamol hat und zugleich die höhere Prävalenz von Autismus-Spektrums-Störungen

Medikamente für Kinder Medikamente für Kinder (grinvalds/iStock)

Fazit

Paracetamol ist eines der wichtigsten Schmerzmittel während der Schwangerschaft sowie für Babys und Kleinkinder. Es ist seit einigen Jahrzehnten im Einsatz und die einzigen Alternativen sind Ibuprofen, welches aber nur im 1.&2. Schwangerschaftsdrittel und in der Stillzeit angewendet werden darf und Acetylsalicylsäure oder Diclofenac, die aber nur bis zur 28. Schwangerschaftswoche eingenommen werden sollten. Für Rücken- bzw. Nackenschmerzen können Schwangere nach Absprache mit ihrem Arzt auch auf Capsaicin in Form von Salben oder Gelen zurückgreifen. Alternativen, die während der gesamten Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden können, gibt es so gut wie keine. Nichtsdestotrotz ist eine Aufarbeitung des etablierten Wirkstoffes vonnöten. Studien zu negativen Auswirkungen nach Einnahme des Analgetikums häufen sich in den letzten Jahren. Das Nutzen-Risiko-Profil muss neu bewertet und die Sicherheit des Wirkstoffes kontrolliert werden, um eine Anwendung ohne negative Folgen möglich zu machen. Die Verunsicherung bei Schwangeren und Eltern wächst, denn gerade in der Zeit von der Empfängnis bis zum 5. Lebensjahr sind entscheidend in der Gehirnentwicklung. Im Zweifelsfall ist aber eine Beratung in der Apotheke, beim Frauen- oder Kinderarzt noch immer die beste Lösung. Paracetamol bleibt vorerst das Mittel der Wahl in der Schwangerschaft und Stillzeit. Bei indikationsgerechter Anwendung, sowie der Einnahme der geringsten Dosis für die kürzeste Dauer kann man aber die Risiken auf einem sehr niedrigen Niveau halten, denn so gut wie kein Wirkstoff ist frei von Nebenwirkungen oder Risiken. 

Thomas Hofko

Thomas Hofko

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Zuletzt aktualisiert am 08.03.2024

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